Denkmäler der Textilindustrie in Aachen – (k)eine Bestandsaufnahme

Denkmäler der Textilindustrie in Aachen – (k)eine Bestandsaufnahme

Zur Einführung

Die mehr als tausendjährige Geschichte der Aachener Tuchindustrie mit intensiver Ausprägung aller in Mitteleuropa erkennbaren wichtigen Phasen von der hausindustriellen Fertigung bis zum Fabrikbetrieb ist mit dem kürzlich verkündeten Aus der letzten Tuchfabrik endgültig Geschichte.

Das zeitweise hoch entwickelte, gerade aus der Leistungskraft der Textilindustrie gespeiste Selbstwertgefühl des industriellen Aachens, das bis in die 1950er Jahre nachklang und die Tuchindustrie als führend und prägend für die Aachener Wirtschaft darstellt, begann im zweiten Nachkriegsjahrzehnt zu bröckeln. Ob Koreakrise, kapitalintensive Technisierungsschübe, zunehmende Garn- und Tuchimporte aus dem Ausland – um nur drei Aspekte herauszugreifen – hier ging es nicht um das schon lange bekannte Spiel eines konjunkturellen Auf und Ab. In nackten Zahlen: Waren 1928 von 52.000 Beschäftigten in Aachen noch 11.000 in der Tuchindustrie tätig, so waren dies 1960 – hier aber hochgerechnet für den gesamten Regierungsbezirk Aachen – 8000, Tendenz fallend. 2 Das Ende der Geschichte ist bekannt: Von rund 100 Betrieben in der frühen Nachkriegszeit verblieb in den letzten Jahren nur noch eine Tuchfabrik, und diese ist nach mehreren Krisen jetzt Teil einer überregional agierenden Gruppe, die den Standort Aachen im September 2012 schließen wird.

Die lange Zeit erfolgreicher Produktion und Vermarktung von Wollgarn- und Wolltuchprodukten hinterließ viele Spuren im innerstädtischen und peripheren Raum. Doch auch Nadelindustrie, Maschinenbau, Kratzenindustrie und andere Branchen produzierten innerhalb und außerhalb des historischen Stadtkerns.

Nimmt man die zahlreichen, vor allem frühindustriellen Standorte zum Beispiel an den Gewässern der Voreifel oder im heute belgischen Gebiet zwischen Aachen und Eupen hinzu, so wird nachvollziehbar, dass eine fundierte Wirtschaftsgeschichte Aachens nur im Rahmen eines euregionalen Wirtschaftsraums dargestellt werden kann, der wiederum eng vernetzt war mit weiteren, geographisch nahen Gewerbezentren für das Wolltuchgewerbe war dies vor allem der Vervierser Raum.

Bei dem Branchenmix, der für Aachen kennzeichnend war, erscheint es willkürlich, sich isoliert den Bauten des Wolltuchgewerbes zuzuwenden, umso mehr, als neben der Tuchindustrie auch Nadel- und Maschinenbauindustrie eine regionale Führungsrolle innehatten und folgerichtig auch gerade Industriedenkmäler dieser Branchen bis in die heutige Zeit verblieben sind.

Es sind aber vor allem die Gebäude der Tuchindustrie, die das Erscheinungsbild der Stadt an vielen Stellen noch bis in die 1950er Jahre prägten. Ein Blick auf eine Stadtkarte aus  dem Jahre 1911 – darstellend die gewerblichen Betriebe – verdeutlicht diesen Sachstand: Standorte der Tuchindustrie, markiert mit roten Punkten, dominieren. Wie Perlen an einer Schnur folgen sie dem Verlauf der zu diesem Zeitpunkt bereits schon lange kanalisierten Bachläufe.

Industrie in Aachen 1911 (Ausschnitt), Textilbetriebe sind rot markiert; Blau – Nadelherstellung, braun – Hütten und Maschinenbau, gelb – Zigarrenherstellung, grün – Handel, rosa – andere Branchen

Auch Wilhelm Fischer, der die Arbeit des „Pioniers“ der Aachener Industriedenkmalpflege, Professor Rene von Schöfer, auswertete und mit seiner 1946 vorgelegten Dissertation »Aachener Werkbauten des 18. und 19. Jahrhunderts« erstmalig eine Typologie Aachener Industriedenkmäler entwickelte, stellte fest, dass am deutlichsten der Gewerbezweig der Tuchindustrie an ihren Gebäuden ablesbar mache, wie sich die wirtschaftliche Entwicklung vom handwerksmäßigen über den hausindustriellen zum fabrikmäßigen Betrieb entfaltet habe.

In der Tat: Kein anderer Gewerbezweig der Aachener Region in der protoindustriellen Zeit vor 1800 hat derart ausgeprägte Bauformen hervorgebracht wie das Wolltuchgewerbe. Um zum Vergleich einen anderen Gewerbezweig zu nennen: Die ebenfalls über die Grenzen der Stadt hinaus gerühmte Nadelproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts brachte keine nennenswerten eigenen Bauformen hervor.

Die hier folgende Auswahl der baulichen Hinterlassenschaften des Aachener Wolltuchgewebes beschränkt sich auf die noch heute vorhandenen Objekte – in der Regel jedoch keine Wohnbauten – womit nun die handwerksmäßige und hausindustrielle Phase des Werkbaus weitgehend ausgeblendet bleiben muss. Bauten aus dieser Phase sind seit langer Zeit aus dem Stadtraum entschwunden, werden aber in der Arbeit Fischers mit vielen Beispielen gewürdigt bzw. sind an anderen Orten der Euregio, wie in Monschau oder Eupen, bis heute vorfindbar. Auch wird hier auf eingehendere Ausführungen zur Geschichte der einzelnen Objekte verzichtet; dieses ist an anderen Stellen nachzulesen. Im Vordergrund stehen die (trotz aller Verluste) immer noch respektablen Gebäude, die jeweils auf verschiedene Stadien der textilen Industriegeschichte verweisen.

Etwas problematisch ist die begriffliche Eingrenzung »Industriedenkmäler« für die in Betracht kommende Denkmalgruppe. Die meisten »Highlights « unter den Aachener Objekten stehen unter Denkmalschutz; andere Gebäude, die erwähnenswert sind, wurden bislang nicht in die Denkmalliste aufgenommen, sind aber so bemerkenswert, dass sie zum Teil in Internetportalen zur Industriedenkmalpflege auftauchen.

Hierbei sei zunächst auf jene Objektliste hinzuweisen, die mit einem sehr fundierten Internetauftritt Industriedenkmäler des gesamten Rheinlands einem breiteren Publikum zugänglich macht. Sie entstammt der Initiative des Vereins »Rheinische Industriekultur e. V.«, der sich zur Aufgabe gemacht hat, »Bestrebungen zur Dokumentation, Erforschung, Erhaltung und touristischen Inwertsetzung« von Objekten der Industriekultur zu unterstützen und neben dem Internetportal auch mit Führungen, Tagungen, Vorträgen und Publikationen öffentlich wirksam ist.

Daneben existiert seit rund vier Jahren eine Objektliste, die auf dem Portal der»Wollroute« zu finden ist, das einer Initiative des Rheinischen Industriemuseums zu verdanken ist. Die Wollroute stellt ein touristisch ausgerichtetes Netzwerk dar, unter Beteiligung der Städte Aachen, Vaals, Monschau, Eupen, Verviers und Euskirchen. Mittels Internetauftritt, Broschüren und zum Teil durch Beschilderungen vor Ort sollten potenzielle Besucher und andere Interessierte auf die baulichen Denkmäler der euregional verflochtenen Textilindustrie-Geschichte aufmerksam gemacht werden, was letztlich auch dazu beitragen soll, den Kulturtourismus anzuregen.

Ganz aktuell ist die Einrichtung von Videos, die zu einzelnen Objekten abrufbar sind. Die ursprünglich geplante Beschilderung der Objekte musste wegen fehlender Finanzmittel ausbleiben; die Broschüre ist in fast allen teilnehmenden Orten vergriffen.

Der Titel des Aufsatzes möchte andeuten, wie problematisch dem Chronisten die Vorstellung einer „Bestandsaufnahme“ von Baudenkmälern einer bestimmten Kategorie erscheint. Zunächst sei festzustellen, dass ein „Opus magnum“ des Aachener Werkbaus, auf der Basis der Arbeit Fischers, aber unter Hinzuziehung neuerer Befunde und Erkenntnisse immer noch aussteht.

Solch eine Arbeit würde zu einem großen Teil auch diejenigen Gebäude berücksichtigen müssen, die im Krieg sowie im Nachgang des späteren Strukturwandels von der Bildfläche verschwunden sind; auch blieb bei Fischer der jüngere Werkbau, das heißt aus der Zeit nach 1900, weitgehend unberücksichtigt, was – ähnlich wie bei Rene von Schöfer – daran liegt, dass er jüngere Gebäude, einsetzend ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als »eklektizistisch« ablehnte. Daneben gibt es viele Werkbauten, von denen z. T. nur noch solch spärliche Reste übrig geblieben sind, dass sie hier keine Erwähnung finden, in einer Gesamtschau jedoch nicht fehlen dürfen. Andere sind durchaus besser erhalten, sind aber nicht so bedeutsam, dass sie in diesem Aufsatz angesprochen werden.8 Der Titel des Aufsatzes möchte außerdem zum Ausdruck bringen, dass eine Bestandsaufnahme stets einen vorläufigen Charakter hat.

Das Verschwinden von Teilen eines Denkmals, wie beim 2010 erfolgten Abriss des letzten achteckigen Schornsteins in Aachen, ehemals Teil der Tuchfabrik Müllenmeister & Legewie in der Leonardstraße 17, und die gelegentlich stattfindende Umgestaltung von denkmalgeschützten Gebäuden, um diese nach zum Teil längerem Leerstand einer neuen Nutzung zuzuführen, sind als Prozesse anzusehen, die – wie anhan~ einzelner Fallbeispiele aufzuzeigen ist – unausweichlich sind, wodurch jeder Bestand einer steten Veränderung ausgesetzt ist. Daher wird bei einigen Objekten danach zu fragen sein, in welchem Umfang die erfolgten baulichen Veränderungen als gelungen zu werten sind.  Schließlich sei noch auf einen Aspekt der Vorläufigkeit einer Objektliste hingewiesen.

Tuchfabrik Friedrich Erckens in Aachen-Burtscheid. Bauaufnahme am Lehrstuhl Rene von Schäfer 1930

 

Tuchfabrik Marx & Auerbach. Aachen. Bauaufnahme am Lehrstuhl Rene von Schäfer 1930

 

Tuchfabrik Waldhausen. Aachen. Bauaufnahme am Lehrstuhl Rene von Schäfer 1930

 

Tuchfabrik van der Züthpen. Aachen Frankenberger Viertel. Bauaufnahme am Lehrstuhl Rene von Schäfer 1930

 

Kontroverse Diskussionen in der Verwaltung der Stadt Aachen, z. B. über die Schutzwürdigkeit der Gebäudegruppe Stockheider Mühle, ein Baukomplex eines Textilveredelungsbetriebs, der in den frühen Nachkriegsjahren mehrfach erweitert und umgebaut wurde, mögen auf den Umstand hinweisen, wie veränderte Zeiten zu anderen Sichtweisen hinsichtlich der Denkmalwürdigkeit industriegeschichtlicher Relikte führen können.

Von den Anfängen bis 1850

An den Anfang sollte, der Chronologie folgend, auf jene Gebäude eingegangen werden, die ihren Ursprung in der gewerblichen Nutzung einer Wassermühle haben, später aber häufig so umfänglich erweitert wurden, dass sie heute eher als Fabrikanlagen wahrgenommen werden.

Wassermühlen mit textiler Nutzung sind nicht als selbstständige Betriebseinheiten im Sinne einer mehrstufigen Fabrik anzusehen, sie waren eher Teile eines „Geflechts“, dem Tuchverlag bzw.  später der dezentralen Manufaktur. Innerhalb solcher protoindustriellen Strukturen spielten Mühlen eine gewichtige Rolle, in ihnen wurden für Aachen in wenigen Fällen bereits für das späte Mittelalter nachweisbar – Tuche gewalkt und später, ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert, Wolle oder Tuche gewaschen sowie Garn oder Garnvorprodukte hergestellt.

Die ehemals rund 100 Mühlen auf dem Gebiet des Aachener Reiches waren wirtschaftsgeschiehtlieh nicht nur für das Wolltuchgewerbe bedeutsam. Ob bei der Messingverarbeitung, dem Polieren von Nadeln oder dem Mahlen von Getreide oder Ölfrüchten – Wassermühlen waren Schauplätze einer z. T. recht früh beginnenden Einführung mechanischer Anlagen, wie z. B. Transmissionssystemen mit Getrieben, Lagern o. ä., was gerade in der frühen Zeit der Wirtschaftsgeschichte Gewerbeentwicklung begünstigte.9 Mühlengebäude im innerstädtischen Raum sind größtenteils schon im 19. Jahrhundert abgerissen worden. Mit der Kanalisierung der Bäche und der Einführung der Dampfkraft waren sie ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Lediglich in Außenbereichen, wie am Wildbach in der Soers, im Indetal oder im oberen Beverbach gibt es nennenswerte Reste solcher Anlagen.

Komericher Mühle – Streichgarnspinnerei P. J. Kutsch in Aachen-Brand. Foto ca. 1930

 

Werkbau im Hof des Tuchmacherhauses Ernst, Aachen-Burtscheid. Foto 2012

 

Spinnerei Startz. Fabrikbau von 1821 am Löhergraben, Aachen. Foto 2011

 

Tuchfabrik Nellessen. Ansicht von der Mörgensstraße mit dem 1952 errichteten Neubau. Foto 2011

 

Die Nutzungsgeschichte der Komericher Mühle ist in ihrer chronologischen Abfolge fast schon idealtypisch: Zunächst, im 17. und frühen 18. Jahrhundert, der Messingverarbeitung dienend, fungierte sie ab ca. 1769 als Walkmühle, das heißt zur mechanischen Bearbeitung von Wolltuchen – ein Vorgang, der für die Qualität der Tuche von enormer Bedeutung war, da das Gewebe bei diesem Verfahren verdichtet und geschmeidig gemacht wird. Seit ca. 1802 ist die Komericher Mühle sowohl Spinn-als auch Walkmühle, genutzt von dem Aachener Tuchfabrikanten Deden (später Dechamps & Drouven), für die sich der umständliche Transport von Wolle, Garn und Tuch zur Mühle dennoch rechnete – im Übrigen ein selbstverständlicher Vorgang innerhalb des damaligen Verlagssystems bzw. der dezentralen Manufaktur. Aus der Spinn-und Walkmühle entwickelte sich nach umfänglichen Erweiterungen eine Streichgarnspinnerei, die firmierend unter dem Namen »P. J. Kutsch« – bis 1960 Garne produzierte. Erhalten ist der gesamte Baukomplex, mit Bürohaus, einer Bruchsteinhalle (zuletzt als Wolferei genutzt) mit Wandstrukturen der früheren Mühle, einer Wasserturbine aus den 1920er Jahren sowie Resten der Transmission, ein Maschinenraum, einem Kesselhaus mit Schornstein, einer dreischiffigen Shedhalle aus dem Jahre 1901 und schließlich noch einer Hofanlage. Auch die wassertechnischen Anlagen sind im Umfeld der Gebäude erhalten: Mühlengraben, Wehranlagen und Mühlenteich.

Zu den vorindustriellen Denkmälern des Wolltuchgewerbes sind auch diejenigen Bauten zu zählen, die Standorte eines Tuchverlags waren, das heißt jener kombinierten Wohn-, Lager- und Comptoirgebäude, die im 18. Jahrhundert zunehmend auch zu Orten der Tuchveredelung (zum Beispiel dem Rauhen und Scheren) umgewandelt wurden. Leider wurden die aus dieser Epoche stammenden, vor allem in der Burtscheider Hauptstraße gelegenen Gebäude im Krieg völlig zerstört. Lediglich ein Gebäude in der Bendstraße, die etwa 100m parallel zur Hauptstraße verläuft, gibt eine Ahnung von dem für die vorindustrielle Phase prägenden Verbund von Wohngebäude und Werkbau.

Der 1753 wahrscheinlich von dem Tuchmacher Friedrich Wilhelm Ernst errichtete Bau in der Bendstraße 36 weist neben einem repräsentativen Vorderhaus ein Hinterhaus auf, das als Werkbau gedient haben wird. Im dortigen – heute etwas veränderten – Dachstuhl blieb eine vertikal eingebaute, hölzerne Winde erhalten, die einstmals zum Auf- und Abrollen eines Seils diente – ein untrüglicher Hinweis darauf, das hier früher Wolle, Garn oder Tuchballen bewegt wurden.

Filztuchfabrik Bossbach in Aachen-Sief, Hauptgebäude, Shedhalle und Damm des auf den Hauptbau zuführenden Obergrabens, Foto 1997

 

Die bis in die heutige Zeit verbliebenen Aachener Werkbauten werden dominiert von ehemaligen Tuchfabrik- und Spinnereistandorten des 19. Jahrhunderts. Das darunter älteste Objekt ist die sogenannte Barockfabrik, 12 von dem Tuchfabrikanten Gotthard Startz 1821 zunächst als Spinnerei errichtet. Der etwas verwirrende Name rührt her von den spätbarock geprägten Blausteinfassungen der Fenster. Um den 1980 ziemlich desolaten Bau, viergeschossig mit elf zu drei Achsen und einer Tiefe von nur 8,5 m, rückwärtig mit einem zwei zu dreiachsigen Flügel versehen und gedeckt mit einem Mansarddach, neu nutzbar zu machen, wurden die Holzdecken durch Betondecken ersetzt, wobei die Unterzüge das Erscheinungsbild der Holzdecken nachzuahmen versuchen. Ferner gelang es, die alten Fenster in gleicher Form aus Aluminium neu zu fertigen. Der Holzdachstuhl wurde bis auf einen einzelnen Binder in neuer Form ersetzt. Heute als Kulturhaus von verschiedenen Akteuren belegt, ist in Aachen ein in diesem Erhaltungszustand leider einzigartiger Bau aus der frühen Zeit des 19. Jahrhunderts sichtbar geblieben.

Hätte man 1980 den linkerhand von diesem Gebäude stehenden zweiten Bau aus späterer Zeit stehen lassen, so wäre die ursprüngliche, dem Vorbild des spätbarocken Stadtpalais folgende Dreiflügelanlage erhalten geblieben. Wenigstens ließ man die alte Fluchttreppe an der Längsseite sowie den aus der Zeit um 1900 stammenden Kamin stehen, der aber um einige Meter gekürzt wurde, womit Aachen um ein kleines Stück Industriefolklore bereichert wurde.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine Fülle neuer, zum Teil großflächig angelegter Fabrikanlagen, die bei guter Unternehmensführung und Kapitalausstattung mit einer außergewöhnlichen Dynamik erweitert wurden. Während es Rene von Schöfer gelang, viele dieser Anlagen zu dokumentieren, blieb der Nachwelt größtenteils nur noch, die Erinnerung zu bewahren. Fatale, kriegsbedingte Verluste und einige >Sünden< in der Nachkriegszeit führten zu dem traurigen Ergebnis, dass Roland Günter bei dem größten Teil der von ihm erwähnten Industriebauten Aachens die Anmerkung »nicht erhalten« hinzufügen musste.

So ist das zweite nennenswerte Objekt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch als Torso erhalten geblieben: die Gebäude der Tuchfabrik Nellessen in der Moergensstraße, Ecke Hubertusstraße, zuletzt von der Tuchfabrik Dechamps & Merzenich genutzt.  1825 bis 1830 entstand entlang der leicht gekrümmten Moergensstraße ein lang gestreckter Baukomplex, dessen älterer, viergeschossiger Teil später als »Alter Bau« bezeichnet wurde und bereits vor dem Krieg Wohngebäuden weichen musste.

Übrig blieb der viereckige Schornstein, einer von insgesamt nur zwei Exemplaren innerhalb des äußeren Mauerrings. Leider musste er 2002 während einer Sanierung um rund 7m gekürzt werden. Auch sei erwähnt, dass der große viergeschossige Bau an der Ecke zur Hubertusstraße nach Kriegsschäden 1952 nach Plänen von Professor Schöfer unter Einbeziehung des erhaltenen Erdgeschosses errichtet wurde.

Schließt man die nähere Umgebung Aachens in die Betrachtung mit ein, so muss auf das Gebäude einer ehemaligen Filztuchfabrik in Aachen-Sief verwiesen werden, einer Streusiedlung im Eifeler Vorland. 16 In fast allen Orten zwischen Aachen und Monschau wurde seit jeher gewebt und gesponnen. Kapitalträchtige Tuchmacher bzw. Kaufleute wussten dies spätestens seit dem 17- Jahrhundert in großem Umfang zu nutzen – man denke nur an die Familie Scheibler in Monschau. In Sief ließ sich ein Unternehmen nieder, das Filztuche produzierte.

Besonders erwähnenswert bei dem gut erhaltenen Gebäudeensemble ist der aus dem frühen 19. Jahrhundert stammende dreigeschossige Hauptbau mit acht Fensterachsen sowie die noch erhaltenen wassertechnischen Einrichtungen (Mühlenteich mit Wehranlage und Reste eines Wasserturbinen-Schütttrichters).

Schurzelter Mühle – Färberei Fußgänger Aachen-Laurensberg. Hauptbau. Foto 2011

 

Bemerkenswert ist die für den Eifelraum typische Bruchsteinarchitektur. Im Hauptbau sind die gut erhaltenen Fenster, die gusseisernen, in den oberen Geschossen hölzernen Stützsäulen, die Deckenkonstruktionen und Reste der früheren Vorrichtung zur Lastenbeförderung in einer dafür eingebauten Dachgaube zu nennen. Während der dazugehörige, später errichtete Shedbau heute als Reithalle dient, ist der Hauptbau zurzeit noch ungenutzt.

Schließlich stammt noch ein weiteres, bemerkenswertes Objekt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, allerdings nicht als Tuchfabrik, sondern als Standort einer Färberei und Tuchveredelung, einem Gewerbe, das untrennbar mit der Tuchherstellung verbunden ist. Erst durch die zum Teil sehr ausdifferenzierte Bearbeitung der gewebten Tuche, die Appretur, erhält das Endprodukt die gewünschten Eigenschaften, z. B.  als Glanz auf der Tuchoberfläche, als knitterfreie Ware oder als wasserabweisender Mantelstoff.

Die Baugruppe der Schurzelter Mühle ist in Aachen unter dem Namen des letzten Nutzers, der Färberei Fußgänger bekannt, die dort von 1891 bis 1992 firmierte. 17 Im Kern besteht die Anlage aus dem 1842 zur Fabrik erweiterten Mühlengebäude, das in seinen wesentlichen Teilen unverändert blieb, sowie weiteren Nebengebäuden.

Das an der Giebelseite anhand der Ankersplinte datierbare Hauptgebäude ist dreigeschossig, in sieben zu drei Achsen, versehen mit Blausteinfensterbänken und Satteldach. Wie in Sief sind Fenster, Stützsäulen und Deckenkonstruktionen weitgehend aus dem 19. Jahrhundert. An den Hauptbau wurde später L-förmig ein Flügel angebaut, der teilweise auch als Wohngebäude diente. Ein weiteres, zweigeschossiges Nebengebäude enthält noch Reste des Transmissionssystems und einen Elektromotor, der die Hauptwelle bis zur Einstellung der Produktion antrieb, sowie wassertechnische Anlagen zur Steuerung des Abwasseraustrags.

Fabrikbauten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die meisten der in Aachen noch verbliebenen Objekte entstammen der Zeit zwischen 1850 und 1900. So entstand 1855/56 unweit der Tuchfabrik Nellessen in der Krakaustraße eine neue Produktionsstätte der Tuchfabrik Kesselkaul. Deren Werdegang ist typisch für viele Aachener Unternehmen – nicht nur in der Tuchindustrie und soll hier deshalb kurz skizziert werden.

Die anfänglich noch sehr kleine Firma wurde 1815 in der Königstraße gegründet; dort aber wurden die Räumlichkeiten schnell zu klein, so dass man 1825 ein Gebäude in der Adalbertstraße errichten ließ. Zusätzlich wurde eine Walkmühle in Herzogenrath betrieben. 1847 musste bereits eine zusätzliche Spinnerei in der Nähe des Kölntors etabliert werden. Die Einführung des mechanischen Webstuhls zur Jahrhundertmitte zwang das Unternehmen zu baulichen Erweiterungen, so dass 1855 die Entscheidung gefällt wurde, alle Betriebsanlagen zentral in der Krakaustraße 25-27 unterzubringen, wobei neben der großen, noch unbebauten Fläche das Vorhandensein einer schon länger bestehenden Färberei mit den entsprechenden Wassernutzungsrechten (»Wassergerechtsame« ) die Standortwahl beeinflusst hat.

Die 1890 umgebaute Anlage, zu der auch der Rest eines Shedbaus sowie ein Kesselhaus gehört, wurde in Teilen verändert; in ähnlicher Weise wie bei anderen umgenutzten Fabrikbauten gelang dies mit Kompromisslösungen. So blieben bei dem Hauptgebäude an der Krakaustraße, einem dreigeschossigen Bau mit acht Achsen, Lisenengliederung und Walmdach, beispielsweise die Ziegelkappendecken erhalten und das Kesselhaus musste für die Neunutzung nur geringfügig ausgebessert werden. Wie häufig bei Sanierungen an Fabrikgebäuden anzutreffen, wurden die alten Fenster durch Kunststofffenster ersetzt. Nach dem insgesamt aber gelungenen Umbau konnte das Hauptgebäude einer Wohnnutzung zugeführt werden.

Eine ehemals dreiflügelige Fabrikanlage aus der Zeit um 1860 ist aufgrund von Kriegsschäden nur in Resten erhalten ge~lieben. Dieser Bau aber, auf den Aachener Stadtbaumeister Friedrich Ark zurückgehend, dominiert bis heute die Straßenecke Templergraben/Eilfschornsteinstraße.2o Der fünfgeschossige Backsteinbau in drei zu zehn Achsen war lange Zeit Standort der Tuchfabrik Marx & Auerbach, eines. der vielen jüdischen Unternehmen in Aachen, deren Schicksal – sprachlich umschrieben mit dem Begriff „Arisierung“ – bis heute nur unzureichend erforscht wurde., Der mächtige Bau ist an seiner zur Straße ausgerichteten Längsseite mit klassizistisch wirkenden Pilastern gegliedert, die Fensterbänke. und Kapitelle mit Blausteinen versehen und das Dach als Walmdach ausgeführt. Das fünfte Obergeschoss wurde möglicherweise nachträglich aufgesetzt, die Fensteröffnungen um 1930 erweitert. Auch hier sind inzwischen moderne Fenster eingebaut, die die ursprüngliche Sprossengliederung – leider anders als bei der Fabrik in der Krakaustraße – nicht mehr erkennen lassen.

Tuchfabrik Kesselkaul, Krakaustraße Foto 2008

 

Tuchfabrik Kesselkaul. Schaubild um 1900

 

Tuchfabrik Marx &Auerbach, Templergraben. Foto 2011

 

Tuchfabrik Hergett, Heinzenstraße. Schaubild auf einem Briefkopf um 1900

 

 entstand am Rand der Innenstadt ein Baukomplex, der als gänzlich anderer Typus bezeichnet werden kann. Hier galt es, ein sehr kleines Grundstück mit Betriebsanlagen auszufüllen. Das bereits 1830 an anderer Stelle gegründete Unternehmen Tuchfabrik Hergett zog 1861 in ein dazu neu errichtetes, dreigeschossiges Gebäude in der Heinzenstraße um (in der Fluchtlinie zur Straße); 1865 und 1867 folgte die Errichtung weiterer Gebäude, die seither einen engen Innenhofumschließen – ein gutes Beispiel, aufwelch engem Raum Tuchfabrikation, einschließlich einer im Keller untergebrachten Nassappretur, möglich war. Daneben ist dieser fast vollständig erhaltene Baukomplex, mit Ausnahme des später veränderten Kesselhauses und des abgerissenen Schornsteins, typisch für die architektonische Zurückhaltung und Strenge des Fabrikbaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hier im Nachklang etwas später entstanden, nämlich zu einer Zeit, als sich bereits eine neue Formensprache in der Gestaltung von Werkbauten zu entfalten begann, wie wir später noch sehen werden.

Leider wurde im Zuge des Verkaufs, in Absprache mit den zuständigen Denkmalschutzbehörden, der aus dem Jahre 1948 stammende Dampfmotor (von der Maschinenfabrik Meer AG in Mönchengladbach) zusammen mit anderen technischen Vorrichtungen des früheren Maschinenraums entfernt. Verschiedene Vertreter von Industriemuseen sowie Techniksammler hatten die Anlage inspiziert und sich gegen eine Übernahme entschieden. Erfreulich dagegen ist, dass eine alte Tuchschermaschine vom Eigentümer demontiert und über lange Jahre hinweg in einem Lagerraum abgestellt wurde. Die inzwischen nur noch in wenigen Exemplaren zu findende Tuchveredelungsmaschine konnte inzwischen von dem Verein »Tuchwerk Aachen« geborgen und im Depot des Vereins wieder aufgebaut werden. Eine neue Formensprache kommt zwischen 1863 und 1867 beim Ausbau einer Spinnmühle an der späteren Augustastraße zum Ausdruck.

Nachdem Gotthard Pastor, ein Burtscheider Tuchfabrikant, die Mühle übernahm, wurde die Anlage schrittweise ausgebaut und vergrößert. Der dabei um 1865 erbaute, dreigeschossige (früher viergeschossige) Hauptbau in elf bzw. an der Rückseite 17 Achsen und der davor angebaute Treppenturm werden durch Rundbogenfenster belichtet, deren Fensterbänke in Blaustein gefertigt sind. Charakteristisch für die neue Formensprache ist die noch erhaltene zinnenartige Attika mit Eckfialen. Auch der Hauptbau war in ähnlicher Weise geschmückt: Hier hat es Eckfilialen gegeben, die über die Traufe als Ecktürmchen hinausragten.

Der hier zum Ausdruck kommende Griff in die Kiste alter Bauornamentik – Rundbögen aus der Romanik, Mauerzinnen aus der Gotik lässt Anklänge an Burg- oder Schlossarchitektur erkennen, eine Zusammenstellung von Stilelementen, die Rene von Schöfer als »sehr unglücklich« bezeichnete/4 an anderer Stelle, bezogen vor allem auf noch spätere Werkbauten (aus den 1870er Jahren), als »sinnlos«/5 als Verunstaltung und Ausartung. Als Verfechter einer größtmöglichen Zurückhaltung und Sachlichkeit bei der Gestaltung von Werkbauten ist sein vernichtendes Urteil nicht überraschend. Die Erkenntnis, dass auch Werkbauten aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ihren Wert haben, setzte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Fischer aber wiederholte zunächst das Credo seines Lehrers und spricht von Verfallserscheinungen, bei denen »die soliden Grundsätze früheren Unternehmergeistes« verloren gegangen seien. Roland Günter endlich gelingt in seinem 1970 veröffentlichten Aufsatz eine sachlichere Auseinandersetzung mit den eklektizistischen Beispielen jüngerer Werkbauten. Er bemängelt, dass eine solche Kritik allzu sehr die formale Erscheinung eines Gebäudes bewertet.27 Wertschätzung aber sollten jene Fabrikbauten seiner Ansicht nach aufgrund der sich in ihnen spiegelnden Identitätsfindung des industriellen Bürgertums erfahren, die nämlich geprägt sei von einem Emporkommen »in den Lebenszuschnitt und das Prestige des Adels«.

Es ist nicht bekannt, ob der Unternehmer Josef Zimmermann, der das Fabrikensemble an der Augustastraße in den 1960er – Jahren für die Produktion seiner Herren- und Kindermodeartikel erwarb, solchermaßen reflektiert den Wert der Anlage erkannte, jedenfalls entschied er sich 1983, alle Gebäude einer sorgfältigen Renovierung zu unterziehen. Dabei wurde zunächst das Backsteinmauerwerk aufwendig saniert, wobei Kriegsschäden mit zeitgleichem Steinmaterial beseitigt wurden. Ebenso rührig war sein Entschluss, die aus den 1930er – Jahren stammenden, voll funktionsfähigen rund 100 Stahlsprossenfenster durch Gussstahlfenster zu ersetzen, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen.

Auch der im Treppenturm vorhandene Lastenaufzug und der Innenhof wurden restauriert, so dass sich am letzteren Ort – mit Blick auf einen Nebenbau und das Kesselhaus nebst integriertem, viereckigen Schornstein – der Eindruck einer ausgesprochen gut erhaltenen Fabrikanlage des 19. Jahrhunderts ergibt.

Tuchfabrik Pastor, Augustastraße. Foto 2011

 

Tuchfabrik Erckens. Arbeiterwohnhäuser Malmedyer Straße. Foto 2011

 

Wohnhaus des Färbers Nikolaus Hermann, Malmedyer Straße. Foto 2011

 

Tuchfabrik Friedrich Erckens. Campairgebäude Malmedyerstraße. Foto 2011

 

Nach dem Auszug der Modefirma und dem Verkauf des Ensembles beginnt seit einigen Monaten die Sanierung des gesamten Gebäudeensembles – Liebhaber der Industriearchitektur müssen sich nun daran gewöhnen, dass sich die Fassaden des Hauptbaus verändern werden, da sich das Gebäude erst durch eine »Filettierung« zu Wohneinheiten und den damit einhergehenden Einbau neuer Zugänge nutzbar machen ließ – ähnlich, wie es bei der Umgestaltung der Deliusfabrik gemacht wurde.

1865/66 ließ der Tuchfabrikant Friedrich Erckens in der heutigen Malmedyer Straße, angrenzend an eine von ihm als Farbholz-Mahlmühle und Färberei genutzte Mühle, einen großen Fabrikbau errichten, der im Krieg leider zerstört wurde. Zwischen diesem mächtigen Bau und der Straße entstand zeitgleich ein zweigeschossiges »Comptoir- und Wollmagazingebäude«, das später (1882) noch einmal erweitert wurde.29 Die dem Zeitgeschmack verpflichtete Gestaltung der Fassade brachte hier einen Mittelrisalit und Klötzchenfriese hervor. Erfreulich ist hier die gelungene Umnutzung: im Gebäude sind verschiedene kleinere Unternehmen mit ihren Büros untergebracht.

Im näheren Umfeld der Erckens-Fabrik befinden sich zwei weitere textilindustrie-geschichtliche Objekte, wovon das erstere ein viergeschossiges Doppelwohnhaus ist, das 1888 bzw.

1890 für Arbeiter der Erckens-Fabrik errichtet wurde – auch hier, unter der Kastenrinne, Zahnleisten, welche Gestaltungselemente der benachbarten Tuchfabrik zitieren.

Das zweite Objekt besteht aus einem Ensemble von Wohn- und Werkbauten einer Tuchfärberei, darunter das um 1835 vom Färber Nikolaus Hermann errichtete Wohnhaus mit Nebengebäuden. Auf dem Dach befand sich ehemals ein Wasserreservoir, womit diesem Bau auch eine Funktion als Werkbau zugekommen ist. Eine eher selten vorkommende Umnutzung erfuhr das um 1868 errichtete Gebäude der Tuchfabrik Van Gülpen im Strüver Weg. Der viergeschossige und 19-achsige Backsteinbau, in Doppelachsen durch Lisenen gegliedert, erhielt an der Vorderseite ein Mittelrisalit sowie einen Treppenturm an der Rückseite. Der von weitem sichtbare Bau prägt bis heute das weitere Umfeld – die Wiesenlandschaft der Soers, durch die der von ehemaligen Mühlen gesäumte Wildbach fließt.

Nachdem das Unternehmen die Produktion bereits zur Jahrhundertwende an einen neuen Standort verlegt hatte, bezog eine Ordensgemeinschaft das Gebäude. Aus der früheren, dem Kloster St. Raphael angeschlossenen Erziehungsanstalt wurde inzwischen ein Altersheim, das hoffentlich noch längere Zeit Bestand haben wird.

Glücklicherweise bewegt sich der lange Zeit zum Stillstand gekommene Umnutzungsprozess eines Gebäudekomplexes einer ehemaligen Tuchfabrik in der Ottostraße. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte hier das Eupener Unternehmen Peters eine Dependance eingerichtet, da mit dem Abtritt Eupens an Belgien der deutsche Absatzmarkt nur eingeschränkt zugänglich war. Zuletzt wurden die Gebäude von einem Elektrogroßhandel genutzt.

Nach dem Verkauf an eine Immobiliengesellschaft wurden Investoren gesucht, die das seit Jahren ungenutzte Objekt aus dem Dornröschenschlaf küssen.

Tuchfabrik Van Gülpen, Strüverweg. Foto 2012

 

Tuchfabrik Peters, Ottostraße. Schaubild um 1920

 

Tuchfabrik Aachen AG, Sophienstraße. Foto 2009

 

Der ältere Hauptbau mit Kesselhaus und viereckigem Schornstein entstand um 1870 als Spinnerei und Tuchfabrik Niederheitmann & Buchholz. Hier verzichtete man aufgrund der relativ kleinen Grundfläche des Baus auf externe Treppenhäuser und integrierte diese stattdessen in die Nordseite des Gebäudes. Von der Architekturdekoration eher zurückhaltend wurden die Fassaden mit Lisenen und Klötzchenfriesen versehen.

Trotz erheblicher Kriegsschäden blieben große Teile der Fassaden erhalten. Aber auch die Decken und viele der ungewöhnlich verzierten Fenster, die aus Brandschutzgründen verkleideten gusseisernen Stützsäulen sowie die Holzböden könnten wieder in den ursprünglichen Zustand überführt werden.33 Ebenfalls offen, leider „bedrohlich offen“, ist das zukünftige Schicksal eines technikgeschichtlichen Unikums – dem Treppenturm der ehemaligen „Tuchfabrik Aachen AG“ in der Sophienstraße. 1874 ließen die Fabrikanten Ritz und Vogel eine umfangreiche Anlage zur Herstellung von Tuchen errichten, von der einige Gebäude erhalten blieben, darunter als herausragendes Teil der kombinierte Treppen- und Aufzugturm mit integrierten Wasserhochbehälter, konstruiert von Professor Otto Intze von der technischen Hochschule in Aachen.

Während der zum Treppenturm gehörige, dreigeschossige Fabrikbau und die zur Sophienstraße gelegenen Shedbauten – wohl einige der ersten dieser Art in Aachen – verschwunden sind, kündet nun vor allem dieser Turm von der oben bereits erwähnten, vom Historismus geprägten Architekturdekoration sowie vom Ideenreichtum seines Konstrukteurs. Der Treppenturm, zu dem es ein Pendant auf dem Gelände der Tuchfabrik Lochner in der Lochnerstraße gab, erhebt sich dreistöckig über achteckigem Grundriss. Wie bei einigen anderen Gebäuden der Tuchfabrik wurden zweifarbige Ziegelsteine verwendet, so bei den an den Ecken befindlichen Lisenen gelbe Steine, die oben in einem Bogenfries enden. Die Fenster muten gotisch an, was beim Gang über die Treppenanlage beim Besucher den Eindruck erweckt, er befinde sich in einem Burgturm.

Am oberen Ende des Turms befand sich eine Brüstung mit dahinter liegendem Turmaufsatz.35 Erwähnenswert sind ebenfalls mit zweifarbigen Ziegeln verzierte Shedbauten im hinteren Bereich des Gebäudeensembles sowie ein Feuerlöschteich.

Ein Beispiel für den Werkbau des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist die 1889/90 errichtete Anlage der Aktienspinnerei Aachen in der Viktoriastraße. Die Aktienspinnerei ging aus der kleinen, 1881 in der Beeckstraße gegründeten Spinnerei Hilden & Reuver hervor. Da die Ausdehnungsmöglichkeiten in der Innenstadt begrenzt waren, kaufte auch dieses junge Unternehmen 1889 ein größeres Wiesengelände nördlich des gerade neu in Erschließung begriffenen Frankenberger Viertels. Wie bei Ritz & Vogel in der Sophienstraße entstand dabei auch ein großer Shedbau, wobei anzunehmen ist, dass sich diese Gebäudekonstruktion vor allem für die Einrichtung von Spinnereimaschinen eignete, zumal die Feinspinnmaschinen (Selfaktoren) zunehmend breiter ausgelegt waren. 1899 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft verwandelt.

Nach dem Krieg verlegte man die Produktion in das bereits kurz nach 1900 erworbene und später ausgebaute Zweigwerk in Stolberg-Hammmühle.

Ähnlich wie bei der Tuchfabrik in der Sophienstraße wurde die zur Viktoriastraße hin gelegene Fassade des Bürogebäudes mit unterschiedlich farbigen Ziegeln versehen. Schlichter sind die rückwärtig gelegenen Fassaden des Fabrikgebäudes im Hinterhof.

Beide Baukörper sind in ihrer Form und Gestaltung im ursprünglichen Zustand erhalten, abgesehen vom Dachbereich und einigen veränderten Fenstern. Gerade bei letzteren bemühte man sich, den alten Zustand dadurch zu bewahren, dass man die Metallsprossenfenster zur Sanierung herausnahm, neue Glasfenster einsetzte und beim Wiedereinbau von innen zusätzlich ein zweites Fenster einfügte. Von der Innenkonstruktion blieben u. a. die Kappendecken erhalten. Während im ehemaligen Bürogebäude Wohnungen untergebracht sind, werden große Teile des zweistöckigen Fabrikgebäudes für technische Einrichtungen der Telekom genutzt.

Aktienspinnerei Aachen. Bürogebäude an der Viktoriastraße. Foto 2011

 

Aktienspinnerei Aachen. Schaubild. Vorne links das Bürogebäude an der Aachener Straße. Die beiden Flügelbauten im dahinter liegenden Hof sind erhalten. Kesselhaus mit Schornstein und der Shedbau sind leider abgebrochen.

 

Das 20. Jahrhundert

1906 ließ das 1851 in der Jakobstraße gegründete Unternehmen Delius ein großes Fabrikgebäude im rückwärtigen Bereich der schon vorhandenen Anlagen errichten, um auch die Produktion in der >Gebrannten Mühle< an den Stammsitz zu verlegen.37 Das neue viergeschossige Hauptgebäude passt sich dem Verlauf der vorgelagerten Nebenstraße – der heutigen Deliusstraße – an.

Die Fassaden des massig wirkenden Baus sind zu dieser Straße hin in 17, zur Mauerstraße hin in drei Doppelachsen gegliedert, gotisierende Schmuckformen dominieren. Die Fenster sind in Paaren angeordnet und werden im dritten Stockwerk von stichbogigen Wandfeldern umfasst.

Das Attikageschoss wird, davon abweichend, mit dreifach gekuppelten Fenstern gegliedert. Auffällig sind die abgeschrägten Fensterbänke, die, in weißer Farbe hervorgehoben, die Fassaden horizontal durchziehen. Dadurch wird das ohnehin schon wuchtig wirkende Gebäude in seiner Längsdehnung betont. An der Ecke zur Mauerstraße ist der Bau turmartig mit Zinnen erhöht und erinnert damit an die im frühen Bergbau verwendete Bauform eines Malakowturms.

Das Unternehmen Delius schloss sich 1928 nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit acht weiteren Betrieben zur >TOGA< zusammen, wurde aber bereits 1932 stillgelegt.

Das Hauptgebäude blieb erhalten, nachdem der letzte Nutzer, ein Süßwarenhersteller, die Produktion 1980 an einen anderen Standort verlagerte.

Hier reagierten die Denkmalbehörden recht schnell und stellten das Gebäude zeitnah unter Schutz. 1981 schrieb die Stadt Aachen einen Wettbewerb aus, um eine wirtschaftliche Lösung zur Umnutzung des Gebäudekomplexes zu erwirken. Eine zunächst vorgesehene Nutzung mit exklusiven Wohnungen musste verworfen werden, so dass anschließend ein Umbau zu bezahlbareren Mietappartements zur Umsetzung kam. Dabei mussten als Kompromiss Änderungen an der Fassade vorgenommen werden, vor allem im Erdgeschoss, wo Fenster herausgenommen und durch Loggien ersetzt wurden, um zusätzliche Zugänge zu schaffen. Eine durchaus gelungene Lösung, bei der das äußere Erscheinungsbild weitgehend bewahrt blieb. Ein Trauerspiel war hingegen, dass eine noch vor Ort erhaltene Dampfmaschine – trotz Veto des Denkmalpflegeamtes – verschrottet wurde. Doch wie bereits bei einer anderen Dampfmaschine, die in der Filztuchfabrik Bosbach in Aachen-Sief (s. 0.) verblieben war, war das städtische Interesse für solche Relikte der Industriegeschichte in den  1980er Jahren noch höchst gering. Ob das heute in Aachen essenziell anders ist, wagt der Verfasser arg zu bezweifeln.

Tuchfabrik Arnold & Schüll, Oranienstraße. Foto 2012

 

Tuchfabrik Delius. Ansicht von der Deliusstraße / Ecke Mauerstraße. Foto 2011

Eine wirkliche Perle unter den späten Tuchfabrikgebäuden ist die an der Oranienstraße gelegene Tuchfabrik Arnold & Schüll, leider noch nicht unter Schutz gestellt.38 Zwischen 1906 und 1907 errichtete das seit 1875 in der Innenstadt ansässige Unternehmen auf den Brandresten eines Vorgängerbaus einen zweiflügeligen Hauptbau mit dazwischen liegendem, überdachten Innenhof, nebst Kesselhaus, Kamin, Schmiede und weiteren Nebengebäuden; ein vorgelagertes, einstöckiges Garnlager ist älteren Datums.

Der Gebäudekomplex wird durch ein Tor, das sich im früheren Büro- und Wohngebäude an der Oranienstraße befindet, erschlossen. Die beiden parallel verlaufenden Hauptgebäude sind durch Verbindungstrakte aneinandergefügt, in denen feuerfeste Treppenhäuser untergebracht sind. Im Innenhof blieb bis heute eine Transportrutsche für halb fertige Tuche erhalten; eine zu ähnlichen Zwecken genutzte, senkrecht eingebaute Röhre ist in einem der Treppenhäuser zu finden. Nach dem Aus der Produktion im Jahre 1978 und dem Kauf der Anlage durch einen Investor blieben fast alle Gebäudeteile zunächst unverändert, selbst ein still vor sich hin rostender Schwerölbehälter zeugt bis heute von der einstigen Geschäftigkeit.

Hier vermied der neue Eigentümer, einen großen Wurf hinzulegen und renovierte die einzelnen Gebäudeteile schrittweise, um sie anschließend vermieten zu können. Dabei sind einige Eingriffe, wie das Ersetzen der alten Fenster im Hauptgebäude durch Aluminiumfenster mit breiteren Rahmen oder der Einbau neuer, größerer Fenster in das Kesselhaus fragwürdig, aber im Kontext eines begrenzten Finanzrahmens nachvollziehbar.

Dagegen ließ man Vieles im alten Zustand: die zum Innenhof gelegenen Fassaden, die Treppenhäuser mit einigen alten Fenstern sowie einige der ursprünglichen Türen. Alle Gebäudeteile, inzwischen zumeist durch Trennwände aufgeteilt, werden inzwischen von verschiedenen Mietern (vor allem im kulturellen Bereich tätig) genutzt.

Aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg stammt der bereits mit Eisenbetondecken versehene Bau der Tuchfabrik Johann Erckens Söhne in AachenBurtscheid.  39 Der mächtige Ziegelbau überragt, schon von weitem sichtbar, bis heute das enge Wurmtal.

Johann Erckens war ein Bruder des oben bereits erwähnten Tuchfabrikanten Friedrich Erckens; beide gingen 1830 getrennte Wege. Der Betrieb des Johann Erckens hatte 1850 bereits beachtliche Ausmaße angenommen, wie aus alten Darstellungen ersichtlich wird. Je nach Bedarf wie zum Beispiel die zusätzliche Produktion von Kammgarntuchen – wurde das Werk solange fortlaufend erweitert, wie Grundstücke im Umfeld angekauft werden konnten. Als dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Grenzen stieß und die Firmenleitung zudem die Hemmnis einer veralteten Produktion auf zum Teil antiquierten Maschinen in ebenso veralteten Bauten – teilweise aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammend – erkannte, entschied man, den Betrieb radikal zu modernisieren und ließ einen mächtigen Zweckbau errichten, in welchen große Teile der Produktion untergebracht werden konnten. Der dabei verfolgte Verzicht auf übermäßige Dekorationselemente verweist auf ein in jenen Jahren weit verbreitetes Planungsprinzip, wonach eine „zweckmäßige, die Anforderungen des Betriebes erfüllende Grundriss-Gestaltung, rationelle Baukonstruktionen (… ) die äußere Gestaltung des Baues zwangsläufig bestimmen, die Formensprache des Fassade diktieren.“ Nachdem längere Zeit Philips in den Gebäuden elektrische Geräte produzierte, ging das Ensemble an die RWTH über, die es bis heute nutzt. Auch dieses Gebäude wurde trotz seiner Bedeutung leider noch nicht unter Schutz gestellt.

Tuchfabrik Johann Erckens, Bendstraße, Zugang über Jägerstraße. Foto 2011

 

Das letzte Gebäude, auf das in dieser Zusammenstellung hingewiesen werden soll, wird wahrscheinlich nur Wenigen bekannt sein, zumal es nicht nur kein eingetragenes Denkmal ist, sondern auch von seiner äußeren Erscheinung nicht den Eindruck eines besonderen, schützenswerten Objekts macht. Die Umstände seiner Entstehung und die in ihm umgesetzten, innovativen Konstruktionen und Konzepte machen es jedoch zu einem außergewöhnlichen »Denkmal«. Der erst 1958/59 in der Eilendorfer Straße 215 (Aachen-Brand) errichtete Neubau der traditionsreichen Tuchfabrik G. H. Croon, die vorher in einer veralteten und beengten Produktionsstätte zwischen Annastraße und Bendelstraße niedergelassen war, war seinerzeit europaweit eines der modernsten Fabrikgebäude in dieser Branche.

Maßgeblich verantwortlich war die bis heute innovativ tätige Firma Gherzi in der Schweiz, die „aus einem Guss“ betriebliche Abläufe, sowohl in wirtschaftlicher als auch technischer Hinsicht reorganisiert, aber eben auch die dazu passenden Bauten plant.

Mit Hilfe großer Betonstützen unterteilte man den völlig fensterlosen Webereisaal in beachtlich große Felder von 18 x 12m und installierte eine moderne, vollautomatische Klimaanlage, um den entstehenden Faserstaub weitgehend auszufiltern. Die Klimakanäle für die einströmende Frischluft sind in den Deckenträgern integriert; die leicht schräg ausgeführte Konstruktion der fünf Hauptträger prägt auch das Erscheinungsbild der Außenseiten.

Nach dem Ende der aus Croon nach einer Fusion mit anderen Aachener Tuchfabriken hervorgegangenen Tuchfabrik Dechamps Textil AG stand das Gebäude viele Jahre leer und wird erst seit ca. einem Jahr wieder gewerblich genutzt. Dabei waren kleinere bauliche Veränderungen, wie der Einbau zusätzlicher Fenster und die Entfernung von Teilen der an den Kopfenden angebrachten Verblendziegel, notwendig. Es wäre wünschenswert, wenn der heute eher unscheinbar wirkende Bau größere Aufmerksamkeit erhielte.

Tuchfabrik Croon in Aachen-Brand, Foto um 1960

 

Tuchfabrik Croon, Websaal, Foto 1959

 

Rück- und Ausblick

Fantasie und Geld sind erforderlich, um Bauten, wie den wenig nutzbaren Treppenturm der Tuchfabrik Aachen AG sinnvoll, vielleicht als Teil eines neu zu errichtenden Nachbargebäudes zu erhalten. Der lange Leerstand der Fabrikgebäude in der Augusta- und Ottostraße verweist ebenfalls auf eine gewisse Zurückhaltung in den letzten Jahren, sich den Objekten mit Fantasie und Geld anzunehmen. Es ist erfreulich, dass dort zurzeit Lösungsansätze greifen, wobei zu hoffen ist, dass die Veränderungen an der Gebäudehülle behutsam erfolgen und die im Inneren vorgesehenen Wohnungen sich wie geplant vermarkten lassen.

Werkbauten sind keine Altlasten. Wer so denkt, für den – so scheint es – ist auch Geschichte eine Altlast. Fabrikbauten sind Zeitzeugen, und wer Zeitzeugen zu beseitigen trachtet, „… der tappt blind in die Zukunft und übersieht, dass sich das in einer Region vorhandene gesellschaftliche Selbstbewusstsein auf historischem Bewusstsein und historischer Erfahrung gründet.“ Geschichtslose Orte aber – das zeigen zahlreiche Beispiele von neu geschaffenen Vierteln auf dem Geländer ehemaliger Fabrikensembles – tendieren leicht dazu, gesichtslos zu sein. So war dann 1995 die ebenfalls in Aachen beginnende Wanderausstellung „Umbau statt Abriss!“ das Ergebnis breiter angelegter Recherchen zu gelungenen Erhaltungsund Umnutzungsmaßnahmen von Gewerbe- und Industriebauten in der Euregio. Der Besucher der Ausstellung bzw. der Leser des dazu erschienenen Buches konnte zur Kenntnis nehmen, welche unterschiedlichen Möglichkeiten sowie Vorteile in der Neunutzung historischer Werkbauten liegen.

Dass sich die Stadt Aachen mit der trotz aller Verluste noch vorzeigbaren Palette sehenswerter Fabrikgebäude schmücken kann, ist dem Fachpublikum hinlänglich bewusst, doch gelang es weder den erwähnten Ausstellungen noch der Etablierung der Wollroute, dieses Wissen solchermaßen in Stadtmarketing und Kulturmanagement zu streuen, dass daraus eine entsprechende zusätzliche Leitlinie entwickelt worden wäre.

Aus politischen und administrativen Kreisen in der Stadt wird in diesem Zusammenhang häufig auf das Industriemuseum „Zinkhütter Hof“ verwiesen, in dem auch die Aachener Industriegeschichte – und das seit dem Ausbau 2010 in der Tat sehr gelungen – zur Sprache kommt.

Allerdings bleibt dort das Thema Tuchindustrie ausgespart. Ausschlaggebend ist natürlich der zu enge finanzielle Spielraum für neue Kulturstandorte; selbst die Route Charlemagne musste erheblich Federn lassen – leider auch in Bereichen wirtschaftsgeschichtlicher Themen.

Zweifellos fehlt in Aachen ein Ort, der vom Bau her authentisch, vom Inhalt her anschaulich und anregend der jahrhundertelang prägenden Tuchindustrie mit ihrer starken euregionalen Verflechtung eine angemessene Bühne zur Verfügung stellt. Beispiele, dass solche Einrichtungen modern, interaktiv und publikumsanziehend sein können, gibt es aus vielen Regionen Deutschlands und Europas. Es wäre an der Zeit, auch in Aachen einen solchen Ort zu schaffen. Mit dessen Existenz würde auch das Geflecht der über das Stadtgebiet verstreuten textilgeschichtlichen Baudenkmäler mehr Aufmerksamkeit bekommen.


Jochen Buhren

aus: Walter Buschmann (Hrsg.): Zwischen Rhein-Ruhr und Maas. Pionierland der Industrialisierung – Werkstatt der Industriekultur. Essen 2013

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Nicht nur Tuche – technische Textilien

Nicht nur Tuche – technische Textilien

Textilindustrie einmal anders

aus: FAZ, 28.12.2015

Mit technischen Textilien den Umbruch meistern

Gepäcknetz und Bungee-Seil: Wie sich Wuppertaler Textilhersteller aus der Abhängigkeit von der Bekleidungsindustrie befreit haben.

csc. WUPPERTAL, 27. Dezember. Nur aus Männern bestand das Publikum heim Spiel der Wuppertaler Fußballvereine Barmen gegen Elberfeld im Jahr 1928 – und alle trugen einen Hut. Mit der vergilbten Schwarzweißaufnahme will Peter vom Baur auf das Produkt hinweisen, mit dem das 1805 gegründete Wuppertaler Familien unternehmen J. H. vom Baur Sohn GmbH & Co. KG groß geworden ist: „Wir haben lange vom Herrenhutband gelebt“, sagt der Diplom-Kaufmann, 54 Jahre alt und Vertreter der siebten Generation. Als der Hut in den fünfziger fahren seine Funktion als Wetterschutz einbüßte, richtete sein Vater die Weberei neu aus. Inzwischen trägt das Hutband nur noch 1,5 Prozent zum Umsatz von rund 10 Millionen Euro bei. Lediglich aus Nordamerika (für Filz- und Cowboyhüte) und Ecuador (für Strohhüte) kommen noch Bestellungen.

Auf den 120 laut ratternden Webstühlen im Wuppertaler Stadtteil Ronsdorf entstehen heute technische Textilien, also textile Erzeugnisse abseits der Bekleidungsbranche. Etwa die dünnen Schläuche für die Filtration von Flüssigkeiten in der Lebensmittelindustrie. Oder die aus Glasfasern gefertigten Filter für Atemschutzmasken. Aus Kohlenstofffasern werden Gewebe hergestellt, die anschließend in Harz getränkt und dann als leichter, stabiler Verbundwerkstoff beim Bau von Ruderbooten, Segelflugzeugen oder Prothesen verarbeitet werden. Neben der modernen Nadelstuhltechnik setzt der 180-Mitarbeiter-Betrieb auch noch die sogenannten Schiffchen-Webstühle ein, bei deren Anblick sich Besucher um etliche Jahrzehnte zurückversetzt fühlen.

Flink sausen die flachen Holzschiffchen mit der Fadenspule von einer Seite zur anderen durch das Webfach. Die Maschinen stammen zwar aus der Nachkriegszeit, bieten aber nach Ansicht von Peter vom Baur bis heute die beste Technik zur Herstellung von nahtlos rundgewebten Schläuchen. Eine eigene Schreinerei mit einem gelernten Handwebstuhlschreiner besorgt die Instandsetzung der betagten Webstühle. Der Firmenchef zeigt die traditionelle Handwerkstechnik mit Selbstbewusstsein: „Die Verschleißteile fertigen wir selbst an, die gusseisernen halten eine Ewigkeit“. Viele der Gewebe sind Maßanfertigungen für einzelne Abnehmer aus dem Maschinenbau, der Chemie, der Zuckerindustrie oder der Medizintechnik. „Wir haben eine niedrige Hemmschwelle, lassen uns auf vieles ein.“ Bei manchen Projekten wird auch mit Forschungsinstituten kooperiert. Mitunter aber kommen so viele Entwicklungswünsche der Kunden herein, dass vom Baur auch mal bremsen muss. Das Beispiel Wuppertal zeigt, welchen enormen Strukturwandel die Textilbranche hinter sich hat. Die 350 000-Einwohner-Stadt im Bergischen Land war einst neben Krefeld und Mönchengladbach eine der Hochburgen der rheinischen Textilindustrie und besonders bekannt für die Schmalbandweber.

Noch in den 1970er Jahren wurden in Wuppertal 50 000 Menschen in dem Gewerbe beschäftigt. Dann mussten viele Textilhersteller aufgeben, die Produktion wanderte in Billiglohnländer ab. Heute arbeiten in den verbliebenen Unternehmen noch 3000 Beschäftigte. Dieser Niedergang verstellt nach Ansicht von Andreas Kielholz, Geschäftsführer und Mitinhaber Jumbo-Textil, den Blick dafür, dass die Textilindustrie inzwischen wieder eine wirtschaftlich stabile Situation erreicht hat. „Wir verzeichnen heute keinen Schwund an Betrieben mehr, sondern haben wachsende Unternehmen.“ Tatsächlich konnten die knapp 200 nordrhein-westfälischen Textilhersteller ihren Umsatz zwischen 2010 und 2014 von 3,3 Milliarden Euro auf knapp 3,5 Milliarden Euro ausbauen, wie die Brancheninitiative Zitex Textil & Mode NRW berichtet. Dabei stehen die für technische Anwendungen produzierten Textilien mittlerweile für fast die Hälfte des Umsatzes.

Als Zulieferer für die Automobilindustrie verzeichnet die ebenfalls in Wuppertal ansässige Jumbo-Textil – 1909 gegründet und einst Hersteller von Wäsche- und Trägerbändern für Bekleidung – in diesem Jahr ein Umsatzplus von etwa neun Prozent auf gut 10 Millionen Euro. Für Fahrzeuge von Herstellern wie BMW, Ford, Mercedes-Benz und den VW-Konzern liefert Jumbo Ablage- und Gepäcknetze, Handyhalter, elastische Bänder zur Straffung von Sitzbezügen, Hebe- und Entriegelungsschlaufen, Hutablagekordeln. Genauestens werden dabei die technischen Anforderungen definiert, wie Kielholz berichtet. Wie stark soll sich das Band dehnen, um wie viele Millimeter darf es über die Jahre ausleiern? „Wir schauen aus dem jeweiligen Projekt heraus, welches Material am besten geeignet ist.“ Auf den rund 400 Maschinen stellt Jumbo-Textil sowohl Geflechte als auch Gewebe und Gewirke her. Zwar ist die Automobilindustrie mit Abstand der größte Abnehmer, doch werden auch Seile für Bungee-Trampoline, Kordeln für Spielzeuge, Expander für Rehageräte, Gummis für Bandagen, Stiftschlaufen für Notizbücher und Notöffnungsseile für Schiebetüren produziert.
Im kommenden Herbst steht für Jumbo-Textil der Umzug ins benachbarte Sprockhövel an. Gut acht Millionen Euro hat der dort errichtete Neubau gekostet, mit dessen Hilfe Kielholz die Abläufe weiter optimieren will. Aus dem einfachen Massengeschäft hält sich der gelernte Bankkaufmann, der Jumbo-Textil im Jahr 2004 zusammen mit zwei nicht operativ tätigen Mitgesellschaftern von der Gründerfamilie erworben hat, nach eigenem bekunden heraus. Seine Devise für die kommenden Jahre: „Wir wollen mit den Ansprüchen der Kunden wachsen.“


 

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Aachener Textilfirmen – Kartierung für 1911 und 1935

Aachener Textilfirmen – Kartierung für 1911 und 1935

Der Rundgang im Depot beginnt mit einer Wandkarte der Aachener Betriebe im Jahre 1911. Nach einer ersten Orientierung, die den typischen Verlauf der Mauerringe und der Eisenbahn folgt, fällt auf, dass es neben dem Westbahnhof auf dem heutigen RWTH Gelände noch einen Bahnhof (Templerbend) gab, von dem eine Strecke der Rütscher Straße nach Holland folgte. Die Verlegung von Strecke und Bahnhof war in vollem Gange. Insgesamt ist Aachen im Jahre 1911 in den Randbezirken noch deutlich ausgedünnt bebaut. Die Bevölkerung Aachens betrug im Jahre 1910 nach dem Ergebnis der Volkszählung 156.143 Menschen. Die Wahl fiel auf diese Karte, weil die Bedeutung Aachens als Industriestadt gegenüber der gegenwärtigen Zeit noch deutlich zu erkennen ist.

Für zwei Jahrgänge lassen sich außerdem auf Google zwei von uns erstellte, interaktive Karten aufrufen, mit denen wir die Verteilung der Textilfirmen im Aachener Raum aufzeigen. Auf den Karten wird farblich zwischen den diversen Branchen der Textilindustrie unterschieden und durch Anklicken der gekennzeichneten Punkte können Einzelheiten zu den jeweiligen Unternehmen aufgerufen werden.

Die Karten werden ergänzt, wann immer möglich, und wir werden bemüht sein, zu den einzelnen Firmen auch Fotos einzustellen. Wer uns dabei historische Aufnahmen zur Verfügung stellen kann, möge dies gerne tun!

Ausführlichere Artikel zu einzelnen Aachener Textilfirmen finden Sie hier auf der Website im Bereich Wissen unter der Kategorie Textilindustrie.


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Die Tuchfabrik G. H. & J. Croon

Die Tuchfabrik G. H. & J. Croon

Am 1. September 1862 eröffneten die Gebrüder Gustav Heinrich und Julius Croon in Aachen eine Tuchfabrik. Dafür kauften sie das Haus Karlsgraben 52 und erweiterten es mit einem Neubau.

Die Anfangsjahre waren nicht leicht, da es bereits eine große Anzahl alteingesessener Firmen gab, die fast alle dieselben Artikel herstellten.1865 fabrizierte die Firma hauptsächlich Buxskins, bis 1870 wurde die Herstellung von Ratinés und Eskimos aufgenommen. Um sich gegenüber der mächtigen Konkurrenz behaupten zu können, wurde von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr gearbeitet. 1866 wurde der erste Webmeister in der Firma eingestellt. Obwohl die Verhältnisse in „Deutschland“  (das Deutsche Reich existierte noch nicht) vor 1870 bezüglich Handel, Verkehr usw. rückständig waren, konnte sich die Firma Croon weiter durchsetzen und den Kundenkreis ausweiten.

Da die Räumlichkeiten im Karlsgraben nicht mehr ausreichten, wurde das Anwesen Annastraße 56 mit Gebäuden der Tuchfabrik Waldhausen im September 1869 gekauft. Anfang 1870 erfolgte der Umzug. Beim Einzug in die Annastraße übernahm die Firma auch einen großen Teil der dort vorhandenen Maschinen.

Mit dem für Deutschland siegreichen Krieg 1870/71 setzte zunächst eine große wirtschaftliche Blüte ein. 1875 kam es vorübergehend zu einer geschäftlichen Krise. 1878 begann der Wiederaufstieg. Gleichzeitig stellte die Firma die Fabrikation auf Kammgarn-Herrenstoffe um.

Die Moderichtung hatte sich verändert und das Publikum bevorzugte nun immer mehr die eleganten Kammgarnartikel gegenüber den alten, klobigen Buxskin-Qualitäten. Diese Umstellung hatte Auswirkungen auf die Firma. Da die Buxskins kaum noch Absatz fanden, beschlossen G. H. und J. Croon, sich nur noch auf die Kammgarnfabrikation zu konzentrieren und diese zu spezialisieren. Die geschäftliche Lage besserte sich 1879 weiter, auch bedingt durch den neuen deutschen Zolltarif vom Juli 1879.

1880 wurde Albert Erasmus als Direktor eingestellt, der schon Erfahrung mit der Kammgarnfabrikation gesammelt hatte. Die Modernisierung der Firma ging ab 1880 schnell weiter, wurde jedoch von Wasser- und Platzmangel behindert. Aufgrund des Platzmangels, bedingt durch die Einengung zwischen der Rheinischen Tuchfabrik und dem Posthof, wurde die Lohnweberei Pellmann mit 40 Lohnwebstühlen dauernd in Anspruch genommen. Als die Post umzog, beabsichtigte die Firma, den alten Posthof zu kaufen und dort einen Neubau zu errichten.

Dies war allerdings nicht nötig, da 1885 ein Brand in der „Rheinischen Tuchfabrik“ ausbrach und das Feuer nicht gelöscht werden konnte. Die Firma Croon hatte einerseits Glück gehabt, dass das Feuer nicht auf ihre Fabrik übergegriffen hatte, andererseits konnte sie sich nun endlich ausdehnen. Die Firma kaufte sofort einen Großteil des Terrains der früheren „Rheinischen Tuchfabrik“, dazu einen Teil der Paubachgerechtsame (Wasserrechte am Paubach). Sofort wurde mit dem Aufbau einer großen Webhalle begonnen, Weihnachten 1886 liefen schon die ersten Webstühle. Bis 1900 entwickelte sich die Firma durch den weiteren Ausbau und die Bemühungen der beiden Gründer allmählich zu einem Großbetrieb. Im Februar 1897 starb der Mitbegründer der Firma, Julius Croon. Die beiden Söhne von Gustav Heinrich Croon, Otto und Adolf Croon traten nun 1897 als Teilhaber in die Firma ein. 1898 überschritt die Jahresproduktion erstmals 200.000 m fertige Ware, fast nur schwarze Ware. Das Jahr 1900 brachte erhebliche Verluste mit sich, die von einer von den Engländern ausgehenden Wollspekulation verursacht wurden. 1911 wurde die Firma durch einen weiteren Neubau und durch Errichtung einer eigenen elektrischen Kraftzentrale zu einem neuzeitlichen Großbetrieb.

Am 7. September 1911 starb der Gründer Gustav Heinrich Croon. Kurz vor seinem Tod nahm er noch seinen Sohn Waldemar als Teilhaber in die Firma auf. Im April 1911 kaufte die Firma die alten Häuser Annastr. 50-52. 1912 erreichte die Fabrik einen Produktionsrekord von 480.000 m Tuch und fast 9000 Stück Ware. Jeder freie Platz in der verschachtelten Fabrikanlage wurde für Webstühle ausgenutzt. Croon-Tuche hatten im In- und Ausland einen guten Ruf.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs setzte der aufsteigenden Entwicklung ein Ende. Die Firma stellte sich im August 1914 sofort auf die Herstellung von Militärtuchen um. Dafür trat 1916 eine große Warennot in der Versorgung mit Zivilware ein. Bedingt durch den Versailler Friedensvertrag, welcher der deutschen Wirtschaft stark zusetzte, kam die Fabrikation von Zivilware nach dem Krieg nur langsam wieder in Gang.

Die Inflation brachte ab 1920 weitere Verluste mit sich. Weitere Probleme wurden durch die von den Besatzern, den Belgiern und Franzosen, errichteten Zollgrenzen verursacht. Am 25. Mai 1923 trat Hans Croon, ein Sohn Otto Croons, in die Firma ein. Ab 1924 widmete sich die Firma Croon dem Wiederaufbau, da der Zustand des Betriebes aufgrund der langen Kriegszeit und der Inflation relativ schlecht war. 1931/32 standen ganz im Zeichen eines weiteren wirtschaftlichen Abstiegs. Mit der Machtergreifung Hitlers ging es für die Firma zunächst bergauf. Aufgrund des damaligen Aufbauwerks wurden neue Arbeitskräfte eingestellt. Im Oktober 1933 trat Waldemar Croons Sohn Waldemar junior in die Firma ein. Bis 1937 ging es weiter bergauf.

In den 30er-Jahren wurden auch weiterhin hochwertige Kammgarnprodukte für Gesellschaftskleidung hergestellt (z.B. Drapes und Foules); daneben gehörte aber auch garngefärbte Ware zum Programm. Vor allem zum Ende der 30er-Jahre häuften sich Aufträge für Wehrmachts-Uniformtuche. Diese Aufträge wurden zugeteilt und waren in der Tuchindustrie begehrt, da es große Aufträge waren.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde weiter produziert, wobei es merkliche Einschränkungen gab. Viele Arbeiter wurden durch Arbeiterinnen ersetzt, die zunächst angelernt werden mussten, und es standen nicht immer genügend Garne zur Verfügung.

1943 zog ein großer Bombenangriff auf Aachen auch die Tuchfabrik Croon in Mitleidenschaft. Die Schäden konnten jedoch so weit repariert werden, dass eine Fortsetzung der Produktion möglich war; einige Gebäudeteile, wie Haus 7, blieben sogar unzerstört. Leider war das alte Stammhaus in der Annastraße unter den zerstörten Gebäudeteilen, sodass die Büros in den Wohnhäusern Annastraße 58/60 eingerichtet wurden.

Nach dem Krieg musste ein „permit“ beantragt werden, um die Produktion wieder aufnehmen zu können. Erst relativ spät, nach zwei Jahren, erhielt man grünes Licht. In der frühen Nachkriegszeit wurde das Aachener Stromnetz zeitweise durch einen von einer Dampfmaschine Croons angetriebenen Generator mit Strom versorgt.

In den 50er-Jahren war der Betrieb wieder voll ausgelastet. Man begann mit der Herstellung von Stoffen für die Damenoberbekleidung; auch der Anteil garngefärbter Tuche nahm zu. Man entschied daher, die Produktion auf einen 3-Schicht-Betrieb umzustellen. Das führte zunehmend zu Lärmbelästigungen für die innerstädtische Nachbarschaft. Da der in mehreren, zum Teil sehr alten Gebäudeteilen untergebrachte Betrieb ohnehin modernisiert werden sollte, entschied man sich 1958 zu einem Neubau „auf der grünen Wiese“ in Aachen-Brand. Hier entstand ein ebenerdiger Betrieb, in welchem die Webereivorbereitung, die Weberei – zum Teil bereits mit modernen Sulzer-Webmaschinen ausgestattet – und die Stopferei untergebracht wurden. Das Schweizer Architekturbüro Gherzi baute einen für die damalige Zeit hochmodernen Industriebau, fensterlos und klimatisiert. 1959 begann man mit dem Umzug nach Brand. In der Innenstadt verblieb die Ausrüstung, gefärbt wurde weiterhin hauptsächlich bei Rouette in der Soers. Freiwerdende Gebäudeteile im alten Gebäudekomplex konnten vermietet werden, z.B. an die Wollstrickfirma „3 Pagen“.

1968 erfolgte eine Fusion mit den Firmen „Dechamps & Drouven Nachf.“ und „Nickel & Müller GmbH.“. Im gleichen Jahr wurde die Ausrüstung in der Annastraße stillgelegt – die Kapazitäten in der Ausrüstungsabteilung des fusionierten Unternehmen waren hinreichend. Herr Waldemar Croon jun. trat 1970 mit dem Verkauf seiner Geschäftsanteile an der fusionierten Firma aus dem Unternehmen aus. Die Firma „Dechamps Textil AG“, die aus der Fusion hervorgegangen ist, musste am 30. Juni 2002 den Betrieb einstellen.

Quellen:

  • „Die Firmen-Geschichte der Tuchfabrik G. H. & J. Croon, Aachen“, ein Festvortrag, gehalten am 1.9.1937 anlässlich des 75jährigen Jubiläums, Archiv Tuchwerk Aachen e.V.
  • Interwiev mit Herrn Waldemar Croon jun. (Aachen) im März 2001

Autor: Jochen Buhren

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Die Tuchfabrik Nickel & Müller GmbH

Die Tuchfabrik Nickel & Müller GmbH

Die Tuchfabrik ‘Nickel & Müller GmbH Aachen‘ wurde im Jahre 1868 durch Hugo Nickel und C. H. Müller in der Mariabrunnstraße gegründet. Sie leiteten den Betrieb bis zu ihrem Ausscheiden 1890. Ab diesem Jahr stand der Betrieb unter der Leitung des ehemaligen Direktors der Tuchfabrik ‘Süßkind und Sternau‘, Hermann Simons. (Das Foto oben zeigt eine Ansicht der Fabrik Nickel & Müller im Jahr 1951.)

In jener Zeit waren rund 60 Webstühle im Einsatz. Zudem war der Weberei ein Appreturbetrieb (für die Veredelung und Oberflächenbehandlung der Rohgewebe) angeschlossen. Zur Wasserversorgung der Appretur wurde dem Paubach Wasser entnommen.

Belegschaftsfoto, Datum unbekannt.

Der erste Weltkrieg führte im Jahre 1916 zur Schließung des Betriebs – ein Schicksal, das dieses Unternehmen mit den meisten Aachener Tuchfabriken teilte. Erst 1922 gelang es, die Produktion wieder aufzunehmen. In den 20er- und 30er-Jahren entwickelte sich das Unternehmen erfreulich.

1942 musste die Firma aufgrund des Krieges zum zweiten Mal geschlossen werden. Leider gehörte man nicht zu den Unternehmen, die Uniformtuchaufträge bekamen. Außerdem gab es für die Fertigung ziviler Ware nicht genügend Garne. Da die Firma im Zuge dieser Entwicklung Kapital frei bekam und noch vor den Bombenangriffen ca. 20000m fertige Ware nach Monschau auslagern konnte, hatte man nach dem Krieg gute Ausgangsvoraussetzungen für den Wiederaufbau.

Wie bei vielen anderen Tuchfabriken in Aachen mussten dazu zunächst die Kriegsschäden beseitigt werden. Erst 1947 wurde die Produktion mit nur fünf Webstühlen aufgenommen; die Appretur lief erst Ende 1948.

Die Zeit des Neuanfangs wurde von dem aus einer angesehenen Familie stammenden Geschäftsmann Fritz Heusch geprägt. Fritz Heusch, ein Sohn von Dr. phil. August Heusch, trat im Januar 1948 in die Firma ein. Seine Tante, Frau Dittmann-Heusch, verheiratet mit Karl Heusch, besaß zu diesem Zeitpunkt 50% der Anteile an der Firma (neben der Familie Simons, die die andere Hälfte besaß) und fragte ihn, ob er die Geschäftsführung mit übernehmen wollte, da er kaufmännisch sehr versiert war. Als zweiter Geschäftsführer agierte Friedrich Eduard Hartmann, der mehr für technische Fragen zuständig war.

Die Geschäftslage war in den 50er-Jahren recht gut, doch gab es gerade in Aachen viel Konkurrenz, was sich auf die Preise auswirkte. So entstand mehr und mehr die Notwendigkeit, den Betrieb zu modernisieren. Für den Kauf neuer Webstühle benötigte man aber viel Kapital, zumal es für die leistungsfähigen Sulzer-Webstühle eine Abnahmeverpflichtung von mindestens acht Maschinen gab. Da das Kapital nicht erhöht werden konnte, entschied sich die Geschäftsführung gegen den Kauf neuer Webstühle. Andere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, dass es nicht möglich war, die Produktion auf ein Drei-Schicht-System umzustellen. Man musste nämlich auf die direkt angrenzende Nachbarschaft Rücksicht nehmen, der das Geratter der Webstühle nachts nicht zuzumuten war.

Der Geschäftsführung wurde mehr und mehr klar, dass ihre Firma unter diesen Rahmenbedingungen alleine nicht länger überleben konnte. Als Herr Kronenwerth von der Firma ‘Dechamps & Drouven‘ Ende der 60er-Jahre mit der Idee einer Fusion an die Firma herantrat, zeigte man sich interessiert. Herr Vahle, Bergwerksdirektor im Ruhestand, übernahm die Schirmherrschaft bei allen Verhandlungen. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 120 Mitarbeiter bei ‘Nickel & Müller‘ tätig, darunter alleine in der Stopferei ca.50 Frauen.

1969 erfolgte die Fusion mit den Tuchfabriken ‘G., H. & I. Croon‘ und ‘Dechamps & Drouven‘. Der Firmensitz wurde nach Aachen-Brand verlegt, wobei zunächst Teile der Weberei mit umzogen. Die Abteilung Tuchausrüstung blieb solange in der Mariabrunnstraße, bis eine neue moderne Ausrüstung – ’Dutch Finish’, eine Tochter der ’Dechamps Textil AG’ – in Kerkrade (NL) eröffnet wurde.

Quellen:
– Will Hermanns: Heimatchronik der Kur- und Kronstadt Aachen.- Köln 1953. S. 212f
– Gespräch mit Herrn Fritz Heusch am 21.03.2001

Bildquellen:
– Photoalbum der Firma ‘Nickel und Müller GmbH’ aus den 50er-Jahren, Sammlung Tuchwerk Aachen 
– Belegschaftsbilder: Nachlass ‘Dechamps Textil AG’, Sammlung Tuchwerk Aachen


Das Album beschreibt die Herstellung des Tuches vom Garn bis zur Fertigware in 56 Bildern, die aus den Jahren zwischen 1951 und 1974 stammen.

Das Copyright aller Bilder liegt beim Tuchwerk Aachen e.V.


Jochen Buhren

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Zur Situation der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert

Zur Situation der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19ten Jahrhunderts, während der Zeit der französischen Besetzung erlebte Aachen einen nie da gewesenen Aufschwung. Die Bevölkerung Aachens nahm von 23.699 Einwohnern im Jahre 1804 auf 32.015 im Jahre 1816 zu. In zwölf Jahren ein Wachstum um etwas mehr als 30%. Begünstigt durch die napoleonische Politik hielt der Fortschritt in Aachen früher Einzug, als im übrigen Deutschland. Gewerbefreiheit, die Befreiung der Landbevölkerung und die Ausschaltung der englischen Konkurrenz führten zu dieser Dynamik des Strukturwandels. Menschen die in der sich ebenfalls rasant entwickelnden Landwirtschaft kein Auskommen mehr fanden strömten in die städtischen Zentren um dort ein besseres Leben zu finden und bitterstem Elend, verkrusteten Hierarchien und sozialer Kälte zu entkommen.

Insbesondere für die ledige zuziehende Bevölkerung war das Lohnniveau attraktiv und bot wesentlich bessere Existenzmöglichkeiten, als auf dem Lande, denn der Lebensstandard der mehrheitlich armen Landbevölkerung war dort deutlich niedriger. Die Situation änderte sich jedoch dramatisch, wenn eine Familie gegründet wurde und Kinder die Berufstätigkeit der Frau unmöglich machten, denn der Lohn eines einfachen Arbeiters reichte damals  – wie heute – nicht um einen nicht durch Not charakterisierten Lebensstandard einer mehrköpfigen Familie zu sichern. So wurde es zunächst als sozialer Segen empfunden, dass die neu entstandenen Fabriken durch Arbeitsteilung entstandene einfach Tätigkeiten anboten, die auch Frauen und Kindern ohne spezielle Ausbildung eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit boten. Diese als Zusatzeinkommen verstandenen Beschäftigungen konnten jedoch nur in seltenen Fällen den Lebensunterhalt einer Person sichern. Frauen mussten zusätzlich zur schweren Hausarbeit, in Heimarbeit oder als Spinnerinnen oder Wollsortiererinnen in Fabriken arbeiten.

So wurde die neu nach englischem Vorbild eingerichtete Nadelfabrik des Laurenz Jecker als soziale Errungenschaft belobigt, weil dort durch Aufteilung der Arbeitsvorgänge bei 250 Beschäftigten 225 Kinder im Alter von 4 bis zwölf Jahren beschäftigt werden konnten, die ihren Familien damit ein Beitrag zu einer besseren Versorgung ermöglichen konnten. Zumal die frühzeitige Gewöhnung an Arbeit als positives erzieherisches Moment verstanden wurde, denn eine Schulpflicht gab es seinerzeit noch nicht. Selbst 1837, lange nach der Einführung der Schulpflicht durch Preußen lag die Kinderarbeit in den Tuchfabriken im Durchschnitt bei 62%. Somit stellten die Kinder den größten Anteil der Belegschaft dar. Als ungelernte Arbeitskräfte bekamen die Kinder einen noch geringeren Lohn als die anderen Arbeiter. Die Arbeiterschaft hatte keine soziale Absicherung, was im Krankheitsfall oder bei Kündigung zum sozialen Abstieg führte.

Die wirtschaftliche Lage der Mehrheit der Arbeiter war bis in die 70er Jahre des 19ten Jahrhunderts insbesondere in den politisch oder konjunkturell bedingten Krisen derart angespannt, dass die als Existenzminimum erachteten Sätze regelmäßig auf breiter Ebene unterschritten wurden, was auch die enormen Schwankungen der Todesfälle in guten und schlechten Jahren eindrucksvoll verdeutlichen. So eine Sterberate von 25 Promille für das Jahr 1828 dagegen 37 Promille für das Jahr 1829, die damit sogar über der Geburtenrate lag. Das signifikante Sinken der Sterberate auf einen Durchschnittswert von 25 Promille für das letzte Viertel des 19 Jahrhunderts markiert ebenso wie das seinerzeit unerwartete Sinken der Geburtenrate den Wandel zu einer Gesellschaft, die nur noch vereinzelt von existenzieller Not bedroht ist.

„Durch den verstärkten Einsatz von Maschinen kam es immer wieder mit den konjunkturellen Schwankungen auch zu Entlassungen, die in den 1830er Jahren zur Massenarmut führten.“

Mit dem Arbeiteraufstand am 30.08.1830 wurde zunächst der Höhepunkt der Auseinandersetzungen erreicht.

Hierzu einige Presseartikel:

aus: Politisches Tageblatt – 24. Januar 1922 – Nr. 54
Die Einführung der Dampfkraft in die Aachener Industrie
Dr. phil et Dr. rer. pol. A Knorr

Der Umwandlung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse am Ende des 18.Jahrhunderts war in England und Frankreich eine grundlegende Änderung in der technischen Produktion vorausgegangen. Der handwerksmäßige Herstellungsprozeß der waren wurde von dem mechanischen  verdängt und dieser durch die Verwendung der dampfkraft zu einer nie geahnten Höhe der Vollkommenheit gebracht. Die Dampfmaschine wurde gleichsam die Seele des Betriebes, das pulsierende Herz , welches bis in die kleinsten neu erfundenen Maschinen Leben und Bewegung trug., sie zu einer Einheit zusammenschloß und somit erst ihre voll Ausnutzung bedingt. Das zeitalter der industriellen Revolution war angebrochen.

Die erste wirtschaftlich bedeutsame Dampfmaschine war im Jahre 1871 von James Watt in England erfunden worden. Hier wußte man sie in der Industrie bald dienstbar zu machen, welche infolgedessen einen gewaltigen Aufschwung nahm und durch ihre billige Massenproduktion die Konkurrenz des übrigen Europas zu ersticken drohte. Ängstlich war man darauf bedacht, das Konstruktionsgeheimnis zu bewahren. Sobald Friedrich der Große von den glänzenden Erfolgen der Wattschen Erfindung hörte, sandte er zwei technische Fachleute nach England, um sie an Ort und Stelle auf dem Wege wagemutiger Spionage zu erforschen. Dem kühnen Unternehmen war volle Erfolg beschieden. Auf Grund der erworbenen Kenntnisse ließ der König bereits 1783 für das Mansfeldsche Berggebiet eine Feuermaschine erbauen, welche 1785 in Betrieb genommen wurde.

In derselben Zeit fand im Westen unseres Vaterlandes die Dampfmaschine zuerst im Aachener Bergrevier Aufstellung und Verwendung. Während aber in Schlesien einer neuer selbständig, wenn auch teilweise mit Hilfe eines ausländischen Ingenieurs konstruiert wurde, bediente man sich hier zunächst importierter Fertigfabrikate aus Belgien, wohin schon 1782 die Kenntnis von der neuen Maschine gedrungen und die erste Dampfmaschinenfabrik gegründet wurde.

Infolge der immer mehr gefährlich werdenden Wassernot war der Aachener Bergbau damals in ein sehr kritisches Stadium getreten. Verschiedene Gruben hatten den Betrieb bereits eingestellt, andere kämpften verzweifelt ohne viel Aussicht auf Erfolg. Da dringt die Kunde von der neuerfundenen Wundermaschine zu der kurfürstlichen Verwaltung, der das Inderevier unterstand. Es ist ihr unbestreitbares Verdienst, sie zuerst im Westen Deutschlands eingeführt und damit den Grund zum Emporblühen des Aachener Bergbaus gelegt zu haben. Die Maschine entsprach so sehr im allgemeinen den Erwartungen, daß bis zum Jahre 1930 auf sämtlichen Indegruben die Dampfkraft eingeführt wurde.

Im Wurmrevier ging die Verwaltung weniger rationell und zielbewußt vor. Obwohl mehrere Gruben schon lange wegen der Wassergefahr stillagen, wurde hier die erste Dampfmaschine erst 1811 auf dem Langenberg erbaut. Ihr Cylinder ist noch erhalten und befindet zum Andenken in der Hochschule. Wie selten damals noch solche Maschinen waren, geht daraus hervor daß der österreichische Kaiser Franz, welcher sich 1818 anläßlich des Monarchenkongresses in Aachen aufhielt, extra zu ihrer Besichtigung hinausfuhr, 1830 waren auf sämtlichen Gruben des Wurmreviers Dampfmaschinen in Betrieb. 1837, wo die erste amtliche Zählung der in Preußen vorhandenen Dampfmaschinen einsetzte, stand der Aachener Bezirk , was Zahl und Pferdekräfte angeht, an erster Stelle.

Der Erfolg war ein gewaltiger. Auf allen Gruben stieg die Produktionsziffer von Jahr zu Jahr. Wegen der naturgemäß stets anwachsenden Unkosten wurde die großkapitalistische Ausbeute die einzig mögliche Betriebsform, welcher die Aktiengesellschaft homogen war.

Im Jahre 1803 hatte auch Dinnendahl, der größte technische Meister am Anfang des 19. Jahrhunderts, den Auftrag erhalten, auf dem Bleibergwerk Diepenlinchen in Aachen eine Dampfmaschine zu erbauen. In seiner kulturhistorisch recht interessanten Selbstbiographie, welche sich im Besitz des Essener Geschichtsvereins befindet, erzählt der seltene Mann von seiner Arbeit und seinen Erfolgen in Aachen.

Im Gegensatz zum Bergbetrieb waren die gewerblichen und technischen Verhältnisse der Stadt selbst am Ende des 18. Jahrhunderts noch sehr primitiv und beschränkt. Grund hierfür waren die unerquicklichen politischen Zustände, die vielen elementaren Unglücksfälle, vor allem aber der unverständliche Handwerksdespotismus der Zünfte. Während an den Ufern der Wupper, Ruhr, Sieg, Erft und Niers die Produktion bereits mit Dampf- und Wasserkräften gehandhabt wurde, ging in Aachen die Herstellung noch im alten, geheiligten traditionellen Gebrauch vor sich. Es fehlte eine der wirksamsten Antriebe wirtschaftlichen Fortschritts, eine allgemeine, tiefgreifende, rationelle Vervollkommnung der technischen Grundlagen. Erst die französische Herrschaft brachte Befreiung aus den banden politischer Misere und zunftgenössischer Bevormundung und legt den grund zu neuer Blüte. Mit fremder Hilfe und auf fremde Anregung hin begann sich am Anfang des 19. Jahrhunderts langsam, aber stetig der große Wandlungsprozeß zur mechanischen Produktion durchzusetzen, der dann Anfang der Preußenzeit durch Einführung der Dampfmaschine gekrönt wurde.

1807 war Cockerill von Lüttich nach Aachen gekommen.  Er vermittelte die Verbindung mit den Serraing-Werken und stand den Aachener Fabrikanten bei der Einführung der neuen Maschinen mit Rat und Tat zur Seite. Unter seiner Leitung führte der Tuchfabrikant Edmund Kelleter 1816 hier die erste Dampfmaschine in sein Ecke Annastraße-Löhergraben gelegenes Etablissement ein. Eine große Angst erfaßte da die Bewohner der umliegenden Straßen. Das Gespenst einer schrecklichen Explosion, welche das ganze Viertel in Trümmer legen würde, trieb sie fluchtartig aus ihren Häusern. Infolgedessen trat eine große Entwertung der umliegenden Grundstücke ein, welche durch den unangenehmen Rauchqualm und das betäubende Geräusch noch gesteigert wurde. Die dringenden Vorstellungen der Bürger veranlaßten daher die Regierung, ein eingehendes Feststellungsverfahren einzuleiten, und erst nach langen Verhandlungen, in denen besondere Schutzmaßnahmen erprobt und angeordnet wurden, erhielt Kelleter die behördliche Genehmigung der Anlage Im Laufe der Jahre bildete sich in Aachen ein eigenes Konzessionsverfahren aus, welches auf den napoleonischen Fabrik- und Gewerbedekreten basierte und bis zur Einführung der preußischen Kabinettsordre vom 1. Januar 1831 „die Anlagen und den Gebrauch von Dampfmaschinen betreffend“ in Geltung blieb.

1821 stellte der Tuchfabrikant Startz in seiner in der Annastraße gelegenen Fabrik die zweite Dampfmaschine in Aachen auf. Während die Maschine Kelleters aus Lüttich stammte, bezog er sie aus der kurz vorher in Eschweiler gegründeten Maschinenfabrik Dobbs. Gegenüber dem belgischen Fabrikat wies sie bedeutende Vorteileauf, das sie mit mageren Kohlen gespeist werden konnte, wodurch die Rauchbildung sehr beeinträchtigt wurde, und sie bei 15stündiger Arbeit nur 2000 Pfund Kohle verschlang, wogegen jene bei gleicher Arbeitszeit 3600-4000 Pfund Fettkohlen bedurfte. Im Laufe der nächsten 10 Jahre drang die Dampfmaschine in sämtliche größeren Tuchfabriken Aachens ein. Die stetig steigende Nachfrage führte dann in den 30erJahren zur Gründung verschiedener Dampfkesselfabriken in Aachen. In der nadelfabrikation fand die Dampfmaschine hier erst verhältnismäßig spät Verwendung, und zwar zuerst 1846 in den Werkstätten von Heusch-Kern auf dem Klosterplatz.

Die zweite Verwendung der Dampfkraft hatte in der Aachener Industrie bedeutungsschwere Änderungen im Gefolge. Es vollzog sich damals in der Hauptsache der Übergang vom Verlags- zum Fabriksystem, wodurch die Quantität der Produktion immens gesteigert, ihre Qualität nicht wenig vermindert wurde. Mit der allgemeinen Hebung der industriellen Verhältnisse wuchs der Wohlstand der Fabrikantenklassen und es bildeten sich die für eine moderne Fabrikstadt charakteristischen Klassengegensätze. Denn die Lage der Arbeiter wurde immer unheilvoller und verzweifelter. Einst hatte der Weber für seine daheim angefertigte Ware einen Preis erhalten. Jetzt war er Lohndiener der Fabrikanten geworden, die seine Arbeit als Ware betrachteten und sie im Entgelt möglichst herabzudrücken suchten. Wenn man weiter bedenkt, daß die täglichen Leistungen eines fleißigen Handspinners von der Maschine in etwa 10 Minuten geliefert wurden, daß die mechanische Weberei eine Steigerung von 90% bedeutete, daß ein Stück Gewebe, welches mit der Hand in ca. 340 Stunden hergestellt wurde, von der Maschine in 3 Stunden 40 Minuten verfertigt werden konnte, so ist es leicht erklärlich, daß man bald zu großen Arbeiterentlassungen schreiten mußte, daß sich infolgedessen bei den unteren Schichten ein Elend sondergleichen geltend machte und daß die allgemein angesammelte Wut und Erbitterung sich in der Aachener Arbeiterrevolutionvon 1830 furchtbar Bahn brach.

Aus: Politisches Tageblatt – 8. Februar 1922, Nr. 91
Zur Entwicklung der Aachener Tuchindustrie
Von Hugo Müller

In seinem Buche „Die Industrie am Niederhein“ greift Alfons Thun die Aachener Industrie, und zwar Arbeitgeber wie auch Arbeitsnehmer, scharf an, wodurch er manche Historiker und Volkswirtschaftler, die sich mit einemspeziellen Studium der örtlichen Industrieverhältnisse nicht befaßt haben, zu einer den Verhältnissen nicht ganz entsprechenden Beurteilung der Aachener Industrie verleitet. Es ist unbedingt anzunehmen, daß Thun nicht ganz unbeeinflußt von politischen Strömungen  gewesen ist, zumal sein Buch in der bewegten Zeit der achtziger Jahre erschien. Ob und in wieweit Thuns einer objektiven Nachprüfung standhalten, wird eine eingehende Untersuchung zeigen müssen. Thun nennt die in der Aachener Industrie Beschäftigung ein schwächliches und feiges Volk, dem jedes Gemeingefühl und Korporationsgefühl  fehle. Er bezeichnet sie als Massen, denen Unselbständigkeit, Brutalität und blinder Fanatismus anhafte. Den Fabrikanten wirft Thun vor, daß sie die Technik ihres Betriebes in ungenügendem Maße beherrschen, wozu manchmal noch kaufmännische Unkenntnis und ein Mangel an geschäftlicher Moral kommt. – Dieses Urteil über die Aachener Industrie mutet sonderbar an, wenn man bedenkt, daß alle alten Werke über die Aachener Geschichte die vorzüglichen Aachener Tuche rühmen. Ferner, wie soll man sich denn den Aufbau un den weiten Absatzkreis der Aachener Tuche erklären, wenn die Industrie wirklich so schlecht war? Der Thunschen Auffassung widersprechen auch die Anerkennungen , die die Erzeugnisse der Aachener  Industrie auf den verschiedenen Weltausstellungen, insbesondere in London (1851) und Paris (1855) gefunden haben. Der amtliche Bericht über die Pariser Weltausstellung besagt: „Es war die Tuchindustrie Aachens in gebührender Weise vertreten, sodaß  kein Fabrikbezirk so zahlreiche Anerkennungen und Auszeichnungen erlanget, namentlich in den Preismedaillen, als die Städte Aachen und Burtscheid.“  Trotz all dieser gewichtigen  Gegenmomente ist dem Thunschen Buche in der Literatur nicht entgegengetreten worden, was teilweise wohl darauf zurückzuführen ist, daß die Mehrzahl der bisher erschienenen Werke sich mit dem Ursprung und der Entwicklung der Industrie in früheren Jahrhunderten befassen.

Neuerdings haben wirtschaftwissenschaftliche Institute den Aachener Industrieverhältnissen ihre Aufmerksamkeit zugewendet, wobei jedoch die Forschung leider nicht immer in dem ihr zustehenden überparteilichen Sinne vorgegangen ist.  Für eine objektive Betrachtung der Verhältnisse darf das Material nicht aus einer Quelle stammen, sondern es muß versucht werden, alles Material , sowohl der Arbeitsgeber wie der Arbeitnehmer zu erfassen. Wenn ein Forscher sein Material hauptsächlich aus Flugblättern und Versammlungsberichten schöpft, so ist nicht die Gewähr für eine objektive Beurteilung gegeben, und häufig genug werden Beschlüsse, die nur im Geiste des Flugblattschreibers bestehen, aber in Wirklichkeit keine sind, als Tatsachen weiterverbreitet.

Zur Beurteilung der Entwicklung der Industrie einer Stadt oder eines einzelnen industriellen Zweiges ist die Frage wichtig: Macht die Einführung mechanischer oder rechnerischer Verbesserungen werktätige Kräfte überflüssig? Ein der Industrie Fernstehender und besonders ein Voreingenommener wird sagen, jawohl! Ein Kenner des unlöslichen Zusammenhanges von Technik und Wirtschaft wird sagen, nein, bzw. nicht in dem Maße, daß Arbeitnehmer beschädigt werden. Jede Industrie ist doch auf Erweiterung , auf Erhöhung der Produktion, Vermehrung des Absatzes bedacht. Zur Auswirkung in diesem Sinne ist eine Vermehrung der Produktionskräfte, Arbeiter und Maschinen erforderlich.

Die Aufstellung fast jeder neuen Maschine erfordert für sich schon wieder Bedienungshände und bietet in der Vorbereitung und Fertigstellung des Materials weiteren menschlichen Kräften Beschäftigung. Wie wäre denn sonst die Industrie zu ihrer heutigen Größe und Bedeutung angewachsen, wenn nicht durch Ausnutzung aller Erfindungen der Technik? Durch die Benutzung aller Hilfsmittel trat eine gewaltige Produktionssteigerung ein, die sich neue Absatzgebiete suchen mußte. Die mit der Entwicklung der Industrie zusammenfallende Hebung von Handel und Verkehr gegen Ende des 18. Und zu Anfang des 19. Jahrhunderts ließ die Nachfrage und Absatzmöglichkeit wachsen. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, mußte die Industrie zur Hebung der Produktion alles tun, technische Neuerungen einführen und weitere handarbeitende Kräfte einstellen. In wieweit sich eine solche Entwicklung ausprägt, hängt von den örtlichen Verhältnissen und dem in Frage kommenden Industriezweig ab. Bei der für den Platz Aachen wichtigsten Industrie, der Tuchindustrie, ist die Einführung maschineller Neuerungen , wie z.B. die Einführung der Dampfkraft, des mechanischen Webstuhls, des schnellaufenden Webstuhls (über 80 Touren in der Minute) , des elektrischen Antriebes, von größtem Vorteil für die Entwicklung gewesen. Besondere Schwierigkeiten bereitete nur die Einführung des Doppelstihls, dessen Einführung erst zu verhindern gesucht wurde. Trotz der zu Tage tretenden Überlegenheit der Textilindustriebezirke, in denen das Doppelwebstuhlsystems eingeführt war, ist zum dauernden Nachteil der Aachener Industrie die Verwendung des Doppelstuhls nur zeitweise zur Tat geworden. Die Einführung der schnellaufenden Webstuhl s vollzog sich unter weniger äußeren Einwirkungen , weil ihn die Betriebe nur vereinzelt und dann regelmäßig nur zur Ausnutzung der Konjunktur einzustellen pflegten. Ein Beweis für die aufgestellte Behauptung, daß die Einführung von maschinellen Verbesserungen die Arbeitsgelegenheiten nicht vermindern, sondern sie erweitern, bietet die Zunahme der Arbeiterzahl der Aachener Tuchindustrie, die von 1840 -1900 dauernd gestiegen ist. Das erhellt die nachstehenden Zahlentafel:

Jahr                       Zahl der Betriebe                            Arbeiterzahl
1840                                      –                                                         4000
1860                                        80                                                    6000
1880                                      116                                                     8000
1887                                      129                                                   11000
1892                                      151                                                   13000
1900                                      164                                                   14300

Damals hatte die Industrie den Höhepunkt erreicht. Wenn es möglich wäre, was aber auf Grund des privatwirtschaftlichen Aufbaues der Aachener Tuchindustrie nicht durchführbar ist, eine Produktionsstatistik aufzustellen, so würde diese das gleiche Bild ergeben. Die Arbeiterzahl ist dann mit geringen Abweichungen bis zum Jahre 1910 bei 138 Betrieben mit 13362 Beschäftigten und bis zum Ausbruch des Krieges bei 124 Betrieben auf 12800 gefallen. Als sehr wesentlich ist festzuhalten, daß die Verwendung der mechanischen Webstühle ein rapides Emporsteigen der Arbeiterzahl zur Folge hatte, so stieg z.B. in den Jahren 1866-1873 die durchschnittlich beschäftigte Arbeiterzahl um 4000, um allerdings nach der „goldigschimmernden Glanzzeit“ Ende der 70erJahre zu fallen. Einen bedeutenden Sturz erfuhr sie im Jahre 1876, als die Ausfuhr von 2 ½ Millionen Taler Wert auf 1 ½ Millionen , also um 3 Millionen Marktwert, zurückging. Indessen war es damals nicht die Tuchindustrie allein, die von dem wirtschaftlichen Niedergang berührt wurde. Auch die Bergleute in der Umgebung von  Aachen arbeiteten damals nur 4 Tage in der Woche. Im Jahre 1883, bei dem weiteren Übergang von der Hand-  zur mechanischen Weberei wurden allein 459 neue Stühle in Tätigkeit gesetzt und für den Aachner Bezirk vermehrte sich die Zahl der Beschäftigten um 3418. Im Jahre 1885 wurden für Aachen 1000 neue Webstühle aus sächsischen Maschinenfabriken bezogen.  Nach dem Jahre 1900 begann, wie schon erwähnt, für die Aachener Tuchindustrie eine schwere Wirtschaftskrise, die manche Firmen zwang, ihre Betriebe zu schließen. Von 56 in der damaligen Zeit gegründeten Textilbetrieben bestehen heute nur noch 14. Allgemein litt die Industrie unter der Konkurrenz anderer Bezirke und es war zur Selbsterhaltung geboten, die Fabrikation zu verbessern, neue Artikel aufzunehmen und verlorene wiederzugewinnen. Die Möglichkeit, durch das Zweistuhlsystem eine dauernde Änderung zu schaffen, wurde durch den Krieg vereitelt.

Neuerdings ist eine Abhandlung erschienen von Dr. A. Korr betitelt: „Die Einführung der Dampfkraft in die Aachener Industrie.“ Die Abhandlung schildert die Einführung der Dampfmaschine in die Aachener Industrie und besagt, daß 1816 bzw. 1821 die erste bzw. die zweite Dampfmaschine in Tuchfabriken aufgestellt worden sei, und daß in den nächsten 10 Jahren die Dampfmaschine in alle größeren Tuchfabriken eingeführt worden sei. Dem ist entgegen zu halten, daß zwei 1815 gegründete Fabriken erst 1855 bzw. in den neunziger Jahren, eine 1821 gegründete Fabrik erst 1860, und noch vier andere von 1827 – 1831 gegründete Fabriken erst in den Jahren 1857 und 1858 Dampfmaschinen  einführten. Diese Fabriken bestehen heute noch. Weiter spricht gegen die angegebene schnelle Einführung der Dampfmaschine die Scheu mancher Fabrikanten gegen Neues, die geringe Möglichkeit in der damaligen Zeit, derartige Maschinen in großer Zahl zu bauen und zu bezahlen und das Fehlen von vorgeschultem Bedienungspersonal. Dazu kommt dann noch die Schwierigkeit die benötigten ungeheuren Brennstoffmengen – bedingt durch den geringen thermischen Wirkungsgrad der damaligen Kesselanlagen – zu beschaffen.

Korr spricht davon, leider ohne Beweise anzuführen, daß erst die französische Herrschaft, Befreiung aus den Banden politischer Misere und zunftgenössischer Bevormundung brachte und den Grund zu neuer Blüte legte. Und weiter: „Mit der allgemeinen Hebung der industriellen Verhältnisse wuchs der Wohlstand der Fabrikantenklasse un es bildeten sich die für eine moderne Fabrikstadt charakteristischen Klassengegensätze.“ Ob man bei der damaligen Einwohnerzahl Aachens von etwa 35000 und der relativen Kleinheit der Betriebe von Aachen als moderne Fabrikstadt sprechen kann, erscheint doch recht zweifelhaft. Ob ferner tatsächlich damals Klassengegensätze  hervorgerufen und gefördert durch wirtschaftlichen Verhältnisse in dem angeführten Sinne bestanden haben, ist vorläufig noch nicht belegt. Durch die Überlieferung ist im Gegensatz stets das patriarchalische Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitsnehmer lobend erwähnt worden. – In der angezogenen Abhandlung heißt es dann weiter: „Denn die Lage der Arbeiter wurde immer unheilvoller und verzweifelter. Einst hatte der Weber für seine daheim angefertigte Ware einen Preis erhalten, jetzt war der Lohndiener der Fabrikanten, die seine Arbeit als Ware betrachteten und sie im Entgelt möglichst herabzudrücken suchten.“  Wenn derartig schwerwiegende Behauptungen aufgestellt werden, so ist es doch nur recht und billig, wenn ein Beweis gefordert wird. Eine Gegenüberstellung von Arbeitslohn zum Verkaufspreis der Fertigware und eine Beurteilung im Rahmen der damaligen Lebensverhältnisse würde zweifellos Licht in diese Frage bringen, jedoch nur, wenn man an die Frage objektiv herantritt und nicht in dem Geiste, der aus Korrs Ausführungen spricht.

Wenn weiterhin nach den Ausführungen a.a.O. eine Bereicherung der Fabrikanten durch großkapitalistische Ausbeute stattgefunden haben soll besonders nach den maschinellen Verbesserungen, so ist demgegenüber zu beachten, daß zunächst die damaligen Anschaffungskosten für Maschinen, infolgedessen die in die Betriebsbilanz einzusetzenden Beträge für Amortisation und Verzinsung, sehr hoch waren, weiter für die Bedienung, Wartung, Instandhaltung und Ersatzteileerhebliche Beträge ausgeworfen werden mußten. – Korr schreibt wörtlich weiter: „ ……so ist es leicht erklärlich, daß man bald zu großen Arbeiterentlassungen schreiten  mußte, daß sich infolgedessen bei den unteren Schichten ein Elend sondergleichen geltend machte und daß die angesammelte Wut und Erbitterung sich in der Aachener Arbeiterrevolution von 1830 fruchtbar Bahn brach“. Eine Aachener Arbeiterevolution im Jahre 1830 dürfte eine Neuentdeckung in der Aachener Geschichte sein. Bisher war sie nicht bekannt. Daß die Straßenunruhen von 1830 besonders durch die Arbeiterentlassungen hervorgerufen seien, ist auch neu. Es bringen die Aachener Zeitungen vom Jahre 1830 keine Nachricht über derartige Vorkommnisse. Wohl kam es in den letzten Augusttagen des Jahres 1830 zur Zeit als sich in Paris eine neue Revolution entwickelte, als in Lüttich, Brüssel Verviers und in anderem großen Städten große tumultartige Auftritte an der Tagesordnung waren, auch in Aachen zu einer Bewegung, über die der städt. „Aachener Anzeiger“ vom 1. September 1930 berichtet:  „Nur der allerniedrigste Pöbel beging, von raubsucht angetrieben, schändlicher Ausschweifungen. Der erste große Aufregungspunkt war um 2 Uhr mittags bei der Fabrik des Herrn Nellessen, wo unter den Arbeitern Unzufriedenheit ausgebrochen sein sollte, dieses Gerücht  verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und versammelte einen Zustrom der Neugierigen. Man hatte das Gerücht ausgesprengt, daß den Arbeitern Abzüge gemacht wären, wir verweisen auf den Widerruf dieser Anschuldigung, welchen dieses achtbare Haus in der heutigen Zeitung bekannt macht. Freche, nach Beute lüsternde Bösewichte, gefolgt von schreienden Weibern und Kindern, zogen von da aus vor das Haus des Herrn James Cockerill, erbrachen dasselbe mit Gewalt und plünderten es bis auf die geringste Kleinigkeit  aus. Glücklicherweise konnte die Familie durch eine Hinterpforte des Gartens sich retten.“ Die Menge drang nun gegen das Gefängnis vor, wo sie bewaffneten Widerstand fand. Damit war die Ruhe wieder hergestellt. Der Zeitungsbericht besagt zum Schluß: „Nicht genug kann der vortreffliche Geist gerühmt werden, den die gesamte Bürgerschaft zugleich mit der umsichtigen Tätigkeit dartat, um die Meuterei zu ersticken und die mit unermüdetem Eifer fortfährt, die Ruhe zu erhalten und dem Unfuge vorzubeugen.  Ihre Bemühungen sind durch den herrlichsten Erfolg belohnt. Mehr als 118 Personen sind während der vorletzten Nacht und am gestrigen Tage zur Haft gebracht. Ebenso rühmliche Erwähnung verdienen die braven Fabrikarbeiter dieser Stadt, welche weit davon entfernt an den Unruhen teilzunehmen, ihre entschiedenster Mißbilligung über die Plünderung ausgesprochen haben.“

Zu der damaligen Zeit entwickelte sich eine Krisis, die im Laufe der Jahre manche nachfolge fand. Die hohen Wollpreise – so sagt der Bericht des Aachener Oberbürgermeisters vom 31.Mai 1831 an die Regierung   drängen viele Fabrikanten zu einem Absatz zu jedem Preis, wodurch der Markt für alle verdorben wird. Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Archivars Krämer aus jener Zeit über „Geschichtliche Merkwürdigkeiten“ bestätigen zunächst die geschilderten Vorgänge am 30. August 1830 und für die Jahre 1832 und 1833 überleifern sie uns folgendes: 1832: Fabrik und Handel mit Jahresbeginn nicht erfreulich, allmählich aber besser. Volksstimmung indes sehr gut bei gleichwohl teueren Lebensmitteln durch das ganze Jahr. 1833: Fabrik und Handel, sowie der billige Preis der Lebensmittel ziemlich befriedigend.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit. Kein Angehöriger der Aachener Tuchindustrie wird die Zeit vor Einführung der Dampfkraft und niemals mehr den mit Hand und Fuß getriebenen “Zampelstuhl“ zurückwünschen. Die Darstellungsweise in genannter Abhandlung ist jedenfalls nicht geeignet, Gegensätze zu überbrücken. Im Interesse eines Aufstieges des deutschen Wirtschaftslebens kann es daher nur bedauert werden, wenn auf Grund weit zurückliegender Ereignisse unnötigerweise, und auch geschichtlich unberechtigt, eine soziale Kluft erweitert wird.


Andreas Lorenz

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