Die Rede zur Depoteröffnung | 13.9.2014

Die Rede zur Depoteröffnung | 13.9.2014

Sehr geehrte Bürgermeisterin, Frau Dr. Schmeer,
sehr geehrte Frau Krücken,
sehr geehrter Herr Schultheis,
sehr geehrter Herr Dr. Buschmann,
sehr geehrter Herr Dr. Gilson,
sehr geehrter Herr Wenzler,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitstreiter, liebe Freunde!

11 Jahre Verein Tuchwerk Aachen, davon 2 Jahre Arbeit hier auf dem Gelände der Stockheider Mühle. Lassen Sie mich eingangs einen Rückblick in die Geschichte des Vereins und unserer Tätigkeiten werfen, denn wir glauben, jetzt einen großen Schritt in Richtung unserer Vision gemacht zu haben – einer zeitgemäßen Ausstellung zur Geschichte der Aachener Textilindustrie, ihrer euregionalen Verflechtung sowie ihrer Gegenwart und Zukunft. Mit dem Tuchwerk-Depot leisten wir einen Beitrag zum Erhalt unseres industriekulturellen Gedächtnisses, wir schaffen einen neuen Erlebnis- und Lernort für unsere Stadt.

Als 2001 eine Gruppe von Textilunternehmern, Historikern, Lehrern, ehemaligen Mitarbeitern aus der Textilindustrie sowie Vertretern der regional ansässigen Industriemuseen die Idee einer Ausstellung zum einstmals bedeutendsten Gewerbe unserer Stadt, ja der ganzen Region hatten, konnte keiner ahnen, dass dazu die Ausdauer eines Langstreckenläufers erforderlich sein würde. Verheißungsvoll der Anfang: geeignete Räumlichkeiten waren schnell gefunden, Teile der früheren Spinnerei Komericher Mühle in Aachen-Brand; mit der Zeit gesellten sich ehemalige Mitarbeiter aus Tuchfabriken, Spinnereien oder Färbereien hinzu, die zu ehrenamtlicher Mithilfe bereit waren; alsdann galt es – solange sie überhaupt noch zu finden waren – die Hinterlassenschaften dieses Gewerbes zu finden und zu retten, also Musterbücher, Geschäftskorrespondenz, Fotos, ja Teile ganzer Firmennachlässe; und schließlich Textilmaschinen, die in den Unternehmen unserer Region schon nicht mehr zu finden waren. Also ging der Blick weit über die Region hinaus, um passende Objekte zu finden, die wir in mühsamer Arbeit demontierten, mit LKWs oder Tiefladern nach Aachen transportierten, hier aufstellten und restaurierten. Das Meisterstück war die Demontage einer kompletten Spinnerei in Südbelgien. Finanziert werden konnten diese aufwändigen Arbeiten durch großzügige Spenden des Textilunternehmers Hans Lorenz und durch Zuwendungen der NRW-Stiftung sowie der Sparkasse Aachen,

Im November 2006 konnte die Ausstellung in der Komericher Mühle mit großer öffentlicher Resonanz eröffnet werden. Doch hatten wir bereits das nächste Ziel vor Augen: im Kontext der Euregionale 2008 rang die Tuchfabrik Becker gemeinsam mit der Stadt um eine städtebauliche Lösung für ihr ehemaliges Färbereigelände hier in der Soers. Eine Kombilösung stand zur Diskussion, bei der, neben einer Wohnnutzung, wir Tuchwerker im vorderen Teil des Geländes ein Museum etablieren sollten und weitere Teile des Geländes mit Werkstätten und Museumsshop managen sollten.

Nach immensen Mühen bei der Planung und ebenso immensen Kosten – letzteres alleine geschultert durch private Spenden – mussten wir erkennen, dass die Annahmen des Geschäftsplanes illusorisch waren. Das Tuchwerk wäre nach diesem Konzept bald zahlungsunfähig geworden.

Was blieb, war der Stadt zu signalisieren, bei neuen Planungen für das Gelände Stockheider Mühle mit neuen Investoren bereit zu stehen, um dort eine Ausstellung in Eigeninitiative aufzubauen. Man kann der Stadt nicht genug danken, dass sie danach ihre schützende Hand über die Stockheider Mühle hielt und dafür sorgte, dass alle Nutzungskonzepte mit der Installation einer kulturellen Nutzung durch uns Tuchwerkern als Auflage verbunden blieben.

Unsere zu diesem Zeitpunkt nochmals erweiterte Sammlung an Maschinen und Archivalien konnte in dieser Phase in der Shedhalle einer ehemaligen Spinnerei an der Rütscherstraße, nur rd. 1000 Meter von hier entfernt, zur Miete unterkommen. Die Nutzungsmöglichkeiten unserer Ausstellung in Brand waren unterdessen massiv eingeschränkt worden; insgesamt also keine erfreuliche Perspektive.
Doch die Arbeit ging unverdrossen weiter; man demontierte die links von mir aufgestellte Krempelmaschine aus dem in Kettenis bei Eupen ansässigen Unternehmen AstenJohnson,  Maschinen aus Bocholt und Bramsche kamen hinzu, wobei unsere gute Vernetzung mit anderen Textilmuseen von großem Vorteil war.

2012 nun stellte einen echten Neuanfang dar: Mit dem Erwerb des Geländes der Stockheider Mühle aus dem Immobilienbestand der letzten in Aachen produzierenden Tuchfabrik, „Becker & Führen Tuche“, ermöglicht durch die Margarete Lorenz Stiftung, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Da nun auf die zuvor geplante Wohnbebauung verzichtet werden konnte,  entschieden wir, mit dem gesamten Bestand an größeren Objekten den Teil der Anlage zu beziehen, der sich für eine kompakte Aufstellung unserer Maschinen am ehesten eignete, auch wenn ihm der Charme alter Backsteinbauten fehlt. So übernahmen wir die in der Rütscherstraße entwickelte Idee eines begehbaren Depots. Jetzt konnten wir mit dem Aufbau unserer Maschinen und Kleinobjekte beginnen, um zukünftigen Besuchern den Weg der Wolle von der Flocke zum Garn und vom Garn zum Tuch anschaulich vor Augen zu führen. Durch die tägliche Präsenz von Herrn Bardenheuer als Repräsentanten der Stiftung sowie Ehrenamtlern des Vereins im Pförtnerhaus haben sich völlig neue Arbeitsmöglichkeiten für die Aktiven ergeben.

Daneben fand unsere Sammlung an wertvollen Archivalien – der Museumsfachmann spricht hier lakonisch von der Flachware – im ehemaligen Verwaltungstrakt, rechts neben dieser Halle gelegen, einen geeigneten Raum. Das Archiv wird seit mehreren Monaten, mit finanzieller und beratender Unterstützung durch den LVR, in einer Datenbank erfasst und fachgerecht eingelagert, um anderen Institutionen, Forschern und Privatpersonen Zugang zum textilgeschichtlichen Gedächtnis unserer Stadt zu ermöglichen.

Daneben haben inzwischen Gesprächskreise zu einzelnen Aspekten der Textilgeschichte  stattgefunden, wie vor einigen Wochen zur Modefirma Elegance.

Wie geht es weiter? Die angestrebten Ziele des Vereins sind: Ausbau des Depots, die Fortsetzung der Inventarisierung der Archiv-Sammlung und schließlich die Realisierung unserer lange gehegten Ausstellungsidee im vorderen Teil des Geländes, wobei uns, neben dem Thema der euregionalen Verflechtung, vor allem die Entwicklung traditioneller Textiltechniken hin zu hochmodernen Anwendungen interessiert, also das, woran Aachener Forschungsinstitute arbeiten bzw. was regionale Hersteller technischer Textilien herstellen.

Insgesamt geht es Verein und Stiftung aber um die Entwicklung des gesamten Geländes, hin zu einem Kultur- und Wissensstandort. Gespräche mit der Hochschule führten inzwischen zu einem „letter of intend“, und zwar in der Weise, dass TH-Institute hier auf dem Gelände in Zukunft Teile ihrer Lehrsammlungen unterbringen wollen. Erste Schritte einer kulturellen Belebung finden bereits statt: praktische Seminare vom Architekturstudenten; Schülerprojekte wie die aktuell laufende Ausstellung world.wide.wool.net – und ab diesem Monat Aufführungen des Theater K – lassen Sie sich gleich überraschen.

Verein und Stiftung sind eng miteinander vernetzt. Erstmals kann der Verein mietfrei – und damit unbelastet – an seinen Vereinszielen arbeiten. Wir haben somit eine solide Grundlage geschaffen; es bleibt zu hoffen, dass die Stadt dies erkennt und das im Geleisteten schlummernde Entwicklungspotential, seinen industriekulturellen Wert, als zu förderndes Projekt wahrnimmt.

Bedanken möchte ich mich zunächst bei der noch bescheidenen Anzahl unserer großzügigen Sponsoren. Zuletzt – und das liegt mir besonders am Herzen – ein Dank an alle unsere unermüdlichen, über die Jahre treuen ehrenamtlichen Mitarbeiter – ohne Sie wäre der steinige Weg zu dieser Eröffnung nicht möglich gewesen.

Helfen auch Sie mit, weiter an der Vision des Tuchwerk Aachen zu arbeiten, werden Sie Mitglied im Verein, unterstützen Sie uns bei der praktischen Arbeit oder spenden Sie einfach!

Vielen Dank!


Transkript der Rede des Vereinsvorsitzenden Jochen Buhren
zur Eröffnung des Tuchwerk-Depots am 13. September 2014

Ein Krempelsatz für Aachen

Ein Krempelsatz für Aachen

Unsere Vorspinnerei – im wesentlichen der 30 m lange Krempelsatz – bekamen wir im Herbst 2010 von dem alteingesessenen Unternehmen Asten Johnson aus dem benachbarten Kettenis bei Eupen geschenkt.

Diesem Unternehmen und seiner Geschichte ist eine Vitrine im Depot gewidmet: Den Wandel der Aachener Region von der frühindustriellen Fertigung zu einem in der globalen Wirtschaft konkurrenzfähigen Wissenschaftsstandort zu zeigen, wird am Beispiel dieses Unternehmens möglich. Als Weltmarktführer bei Trockensieben für die Papierindustrie gelingt Asten Johnson der Transfer von Forschungen der RWTH mit ihren führenden textilen Forschungseinrichtungen am ITA und DWI in innovative Produkte.

Als der Verein die Möglichkeit erhielt, einen kompletten Krempelsatz bei Asten Johnson im Unternehmen abzubauen und für die Sammlung ins neugeschaffene Depot zu transportieren, standen die Vereinsmitglieder beim ersten Besichtigungstermin vor der gewaltigen Aufgabe, die enorm großen Teile des Krempelsatzes durch inzwischen enge Gänge der Firma in den Vorhof zu bewegen, um den Transport ins Depot zu ermöglichen.

Nach Monaten harter Arbeit – auch das Dach des Depots mußte zum Schutz der Maschinen mit Folie abgehangen werden – steht das beeindruckende „Monster“ nun bei uns!

Zur Erläuterung der Funktionsweise hier ein kleines Schema:

Die Uralt-Krempel zeigt, wie viele kleine Entwicklungsschritte von der Herstellung des Beschlages der Walzen mit Kratzenband und der Steuerung des Antriebs notwendig waren. Das Prinzip aller Krempeln besteht darin, dass um die große Walze, den „Tambour“, der das zu erzeugende Vlies transportiert, jeweils Walzenpaare angeordnet sind, der „Wender“ (kleinere Walze) und danach in Laufrichtung der „Arbeiter“. Je mehr solcher Arbeitsstellen die vorgelegte Wolle passiert, um so feiner und gleichmäßiger wird das Ergebnis.


Jochen Buhren/Uschi Ronnenberg

Ehemaliges Depot Tuchwerk | Rütscher Str.

Ehemaliges Depot Tuchwerk | Rütscher Str.

Seit Oktober 2009 unterhielt der Verein Tuchwerk e.V. in der Rütscher Str. 282 in einer alten Shethalle ein Depot für die Sammlung der zahlreichen alten Maschinen, in dem regelmäßig die Restaurierung und der Zusammenbau des Maschinenparks zur Vorbereitung einer späteren Ausstellung erfolgen sollte. Wie in unserem Newsletter geschildert, sahen wir uns allerdings zu Beginn des Jahres 2013 gezwungen, in unser neues Domizil im Strüverweg umzuziehen. Dort geht es nun wieder weiter.

Am 13.09.2014 wurde das Depot im Strüver Weg 116 im Gelände der Stockheider Mühle eröffnet.

Jacquard-HandwebstuhlDer abgebildete Jacquard-Handwebstuhl stammt vom Arbeitgeberverband Aachen
und diente lange Zeit in den Gewerblichen Schulen Aachen in der Abt. Textil zu Ausbildungszwecken.

Das neue Depot nimmt Gestalt an: der riesige Krempelsatz wird nun auf massiven Holzschienen exakt aufgebaut, auf neuangeschafften Hochregalen die Sammlung geordnet und die Werkstatt eingerichtet.

KrempelsatzKrempelaufbau im neuen Depot im November 2013

Wir benötigen dringend Hilfe!
Wer Interesse an der Mitarbeit beim Restaurieren hat, möge sich beim Verein melden!
Vorkenntnisse aus dem Textilbereich sind erwünscht aber nicht Voraussetzung.

Tuchwerker bei der Arbeit:

Ehemaliges Textilmuseum | Komericher Weg

Ehemaliges Textilmuseum | Komericher Weg

Das Museum befand sich in einer ehemaligen Streichgarnspinnerei, der Spinnerei Kutsch, ein Betrieb, der aus einer der vielen Mühlen hervorging, die die vorindustrielle und industrielle Entwicklung dieser Region mit geprägt haben. Die Komericher Mühle im Indetal diente bereits im 16. Jahrhundert als Kupfermühle.

1769 erfolgte der Umbau zu einer Walkmühle zum Bearbeiten von Wolltuchen – der Beginn der textilen Geschichte des Standorts. Die Mühle wechselte in den folgenden Jahren mehrfach den Besitzer. Als Eigentümer sind die Aachener Tuchfabrikanten Deden sowie später Dechamps & Drouven bekannt. Die Firma Deden richtete um 1800 hier eine Streichgarnspinnerei ein. Dechamps & Drouven verkauften die Spinnerei an ihren Spinnmeister Peter Jakob Kutsch aus Raeren, der 1893 die „P. J. Kutsch Streichgarn-Spinnerei“ gründete.

Bis zur Einstellung der Produktion 1960 blieb die Spinnerei im Besitz der Familie Kutsch. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten hier bis zu 60 Personen, in der Mehrzahl Frauen, häufig aus den nahegelegenen Eifeldörfern.

Die Ausstellung zur Textilgeschichte befand sich in der ehemaligen Wolferei und nebenan in einem Teil der alten Shedhalle, in der die Spinnmaschinen standen.

In der ehemaligen Wolferei ist die Antriebswelle einer Wasserturbine noch sichtbar. Die Komericher Mühle war lange Zeit eine Doppelmühle mit zwei Wasserrädern, mit denen die Walkmaschinen auf der einen und die Spinnmaschinen auf der anderen Seite angetrieben wurden. Für die Ausstellung hat der Verein einen Teil der Transmission rekonstruiert. 1885 wurde die Wasserkraft durch Dampfkraft und 1948 durch einen Elektromotor ergänzt. Bis zur Stilllegung des Betriebs waren alle drei Energieformen im Einsatz.

Wasserradantrieb


Autor: …