Nicht nur Tuche – technische Textilien

Nicht nur Tuche – technische Textilien

Textilindustrie einmal anders

aus: FAZ, 28.12.2015

Mit technischen Textilien den Umbruch meistern

Gepäcknetz und Bungee-Seil: Wie sich Wuppertaler Textilhersteller aus der Abhängigkeit von der Bekleidungsindustrie befreit haben.

csc. WUPPERTAL, 27. Dezember. Nur aus Männern bestand das Publikum heim Spiel der Wuppertaler Fußballvereine Barmen gegen Elberfeld im Jahr 1928 – und alle trugen einen Hut. Mit der vergilbten Schwarzweißaufnahme will Peter vom Baur auf das Produkt hinweisen, mit dem das 1805 gegründete Wuppertaler Familien unternehmen J. H. vom Baur Sohn GmbH & Co. KG groß geworden ist: „Wir haben lange vom Herrenhutband gelebt“, sagt der Diplom-Kaufmann, 54 Jahre alt und Vertreter der siebten Generation. Als der Hut in den fünfziger fahren seine Funktion als Wetterschutz einbüßte, richtete sein Vater die Weberei neu aus. Inzwischen trägt das Hutband nur noch 1,5 Prozent zum Umsatz von rund 10 Millionen Euro bei. Lediglich aus Nordamerika (für Filz- und Cowboyhüte) und Ecuador (für Strohhüte) kommen noch Bestellungen.

Auf den 120 laut ratternden Webstühlen im Wuppertaler Stadtteil Ronsdorf entstehen heute technische Textilien, also textile Erzeugnisse abseits der Bekleidungsbranche. Etwa die dünnen Schläuche für die Filtration von Flüssigkeiten in der Lebensmittelindustrie. Oder die aus Glasfasern gefertigten Filter für Atemschutzmasken. Aus Kohlenstofffasern werden Gewebe hergestellt, die anschließend in Harz getränkt und dann als leichter, stabiler Verbundwerkstoff beim Bau von Ruderbooten, Segelflugzeugen oder Prothesen verarbeitet werden. Neben der modernen Nadelstuhltechnik setzt der 180-Mitarbeiter-Betrieb auch noch die sogenannten Schiffchen-Webstühle ein, bei deren Anblick sich Besucher um etliche Jahrzehnte zurückversetzt fühlen.

Flink sausen die flachen Holzschiffchen mit der Fadenspule von einer Seite zur anderen durch das Webfach. Die Maschinen stammen zwar aus der Nachkriegszeit, bieten aber nach Ansicht von Peter vom Baur bis heute die beste Technik zur Herstellung von nahtlos rundgewebten Schläuchen. Eine eigene Schreinerei mit einem gelernten Handwebstuhlschreiner besorgt die Instandsetzung der betagten Webstühle. Der Firmenchef zeigt die traditionelle Handwerkstechnik mit Selbstbewusstsein: „Die Verschleißteile fertigen wir selbst an, die gusseisernen halten eine Ewigkeit“. Viele der Gewebe sind Maßanfertigungen für einzelne Abnehmer aus dem Maschinenbau, der Chemie, der Zuckerindustrie oder der Medizintechnik. „Wir haben eine niedrige Hemmschwelle, lassen uns auf vieles ein.“ Bei manchen Projekten wird auch mit Forschungsinstituten kooperiert. Mitunter aber kommen so viele Entwicklungswünsche der Kunden herein, dass vom Baur auch mal bremsen muss. Das Beispiel Wuppertal zeigt, welchen enormen Strukturwandel die Textilbranche hinter sich hat. Die 350 000-Einwohner-Stadt im Bergischen Land war einst neben Krefeld und Mönchengladbach eine der Hochburgen der rheinischen Textilindustrie und besonders bekannt für die Schmalbandweber.

Noch in den 1970er Jahren wurden in Wuppertal 50 000 Menschen in dem Gewerbe beschäftigt. Dann mussten viele Textilhersteller aufgeben, die Produktion wanderte in Billiglohnländer ab. Heute arbeiten in den verbliebenen Unternehmen noch 3000 Beschäftigte. Dieser Niedergang verstellt nach Ansicht von Andreas Kielholz, Geschäftsführer und Mitinhaber Jumbo-Textil, den Blick dafür, dass die Textilindustrie inzwischen wieder eine wirtschaftlich stabile Situation erreicht hat. „Wir verzeichnen heute keinen Schwund an Betrieben mehr, sondern haben wachsende Unternehmen.“ Tatsächlich konnten die knapp 200 nordrhein-westfälischen Textilhersteller ihren Umsatz zwischen 2010 und 2014 von 3,3 Milliarden Euro auf knapp 3,5 Milliarden Euro ausbauen, wie die Brancheninitiative Zitex Textil & Mode NRW berichtet. Dabei stehen die für technische Anwendungen produzierten Textilien mittlerweile für fast die Hälfte des Umsatzes.

Als Zulieferer für die Automobilindustrie verzeichnet die ebenfalls in Wuppertal ansässige Jumbo-Textil – 1909 gegründet und einst Hersteller von Wäsche- und Trägerbändern für Bekleidung – in diesem Jahr ein Umsatzplus von etwa neun Prozent auf gut 10 Millionen Euro. Für Fahrzeuge von Herstellern wie BMW, Ford, Mercedes-Benz und den VW-Konzern liefert Jumbo Ablage- und Gepäcknetze, Handyhalter, elastische Bänder zur Straffung von Sitzbezügen, Hebe- und Entriegelungsschlaufen, Hutablagekordeln. Genauestens werden dabei die technischen Anforderungen definiert, wie Kielholz berichtet. Wie stark soll sich das Band dehnen, um wie viele Millimeter darf es über die Jahre ausleiern? „Wir schauen aus dem jeweiligen Projekt heraus, welches Material am besten geeignet ist.“ Auf den rund 400 Maschinen stellt Jumbo-Textil sowohl Geflechte als auch Gewebe und Gewirke her. Zwar ist die Automobilindustrie mit Abstand der größte Abnehmer, doch werden auch Seile für Bungee-Trampoline, Kordeln für Spielzeuge, Expander für Rehageräte, Gummis für Bandagen, Stiftschlaufen für Notizbücher und Notöffnungsseile für Schiebetüren produziert.
Im kommenden Herbst steht für Jumbo-Textil der Umzug ins benachbarte Sprockhövel an. Gut acht Millionen Euro hat der dort errichtete Neubau gekostet, mit dessen Hilfe Kielholz die Abläufe weiter optimieren will. Aus dem einfachen Massengeschäft hält sich der gelernte Bankkaufmann, der Jumbo-Textil im Jahr 2004 zusammen mit zwei nicht operativ tätigen Mitgesellschaftern von der Gründerfamilie erworben hat, nach eigenem bekunden heraus. Seine Devise für die kommenden Jahre: „Wir wollen mit den Ansprüchen der Kunden wachsen.“

Aachener Textilfirmen – Kartierung für 1911 und 1935

Aachener Textilfirmen – Kartierung für 1911 und 1935

[Text ist noch in Überarbeitung.]

Der Rundgang im Depot beginnt mit einer Wandkarte der Aachener Betriebe im Jahre 1911. Nach einer ersten Orientierung, die den typischen Verlauf der Mauerringe und der Eisenbahn folgt, fällt auf, dass es neben dem Westbahnhof auf dem heutigen RWTH Gelände noch einen Bahnhof (Templerbend) gab, von dem eine Strecke der Rütscher Straße nach Holland folgte. Die Verlegung von Strecke und Bahnhof war in vollem Gange. Insgesamt ist Aachen im Jahre 1911 in den Randbezirken noch deutlich ausgedünnt bebaut. Die Bevölkerung Aachens betrug im Jahre 1910 nach dem Ergebnis der Volkszählung 156.143 Menschen. Die Wahl fiel auf diese Karte, weil die Bedeutung Aachens als Industriestadt gegenüber der gegenwärtigen Zeit noch deutlich zu erkennen ist.

Für zwei Jahrgänge lassen sich außerdem auf Google zwei von uns [namentlich wer?] erstellte, interaktive Karten aufrufen, mit denen wir die Verteilung der Textilfirmen im Aachener Raum aufzeigen. Auf den Karten wird farblich zwischen den diversen Branchen der Textilindustrie unterschieden und durch Anklicken der gekennzeichneten Punkte können Einzelheiten zu den jeweiligen Unternehmen aufgerufen werden.

Die Karten werden ergänzt, wann immer möglich, und wir werden bemüht sein, zu den einzelnen Firmen auch Fotos einzustellen. Wer uns dabei historische Aufnahmen zur Verfügung stellen kann, möge dies gerne tun!

Ausführlichere Artikel zu einzelnen Aachener Textilfirmen finden Sie hier auf der Website im Bereich Wissen unter der Kategorie Textilindustrie.


Autor: N.N.

Die Tuchfabrik G. H. & J. Croon

Die Tuchfabrik G. H. & J. Croon

Am 1. September 1862 eröffneten die Gebrüder Gustav Heinrich und Julius Croon in Aachen eine Tuchfabrik. Dafür kauften sie das Haus Karlsgraben 52 und erweiterten es mit einem Neubau.

Die Anfangsjahre waren nicht leicht, da es bereits eine große Anzahl alteingesessener Firmen gab, die fast alle dieselben Artikel herstellten.1865 fabrizierte die Firma hauptsächlich Buxskins, bis 1870 wurde die Herstellung von Ratinés und Eskimos aufgenommen. Um sich gegenüber der mächtigen Konkurrenz behaupten zu können, wurde von morgens 6 Uhr bis abends 8 Uhr gearbeitet. 1866 wurde der erste Webmeister in der Firma eingestellt. Obwohl die Verhältnisse in „Deutschland“  (das Deutsche Reich existierte noch nicht) vor 1870 bezüglich Handel, Verkehr usw. rückständig waren, konnte sich die Firma Croon weiter durchsetzen und den Kundenkreis ausweiten.

Da die Räumlichkeiten im Karlsgraben nicht mehr ausreichten, wurde das Anwesen Annastraße 56 mit Gebäuden der Tuchfabrik Waldhausen im September 1869 gekauft. Anfang 1870 erfolgte der Umzug. Beim Einzug in die Annastraße übernahm die Firma auch einen großen Teil der dort vorhandenen Maschinen.

Mit dem für Deutschland siegreichen Krieg 1870/71 setzte zunächst eine große wirtschaftliche Blüte ein. 1875 kam es vorübergehend zu einer geschäftlichen Krise. 1878 begann der Wiederaufstieg. Gleichzeitig stellte die Firma die Fabrikation auf Kammgarn-Herrenstoffe um.

Die Moderichtung hatte sich verändert und das Publikum bevorzugte nun immer mehr die eleganten Kammgarnartikel gegenüber den alten, klobigen Buxskin-Qualitäten. Diese Umstellung hatte Auswirkungen auf die Firma. Da die Buxskins kaum noch Absatz fanden, beschlossen G. H. und J. Croon, sich nur noch auf die Kammgarnfabrikation zu konzentrieren und diese zu spezialisieren. Die geschäftliche Lage besserte sich 1879 weiter, auch bedingt durch den neuen deutschen Zolltarif vom Juli 1879.

1880 wurde Albert Erasmus als Direktor eingestellt, der schon Erfahrung mit der Kammgarnfabrikation gesammelt hatte. Die Modernisierung der Firma ging ab 1880 schnell weiter, wurde jedoch von Wasser- und Platzmangel behindert. Aufgrund des Platzmangels, bedingt durch die Einengung zwischen der Rheinischen Tuchfabrik und dem Posthof, wurde die Lohnweberei Pellmann mit 40 Lohnwebstühlen dauernd in Anspruch genommen. Als die Post umzog, beabsichtigte die Firma, den alten Posthof zu kaufen und dort einen Neubau zu errichten.

Dies war allerdings nicht nötig, da 1885 ein Brand in der „Rheinischen Tuchfabrik“ ausbrach und das Feuer nicht gelöscht werden konnte. Die Firma Croon hatte einerseits Glück gehabt, dass das Feuer nicht auf ihre Fabrik übergegriffen hatte, andererseits konnte sie sich nun endlich ausdehnen. Die Firma kaufte sofort einen Großteil des Terrains der früheren „Rheinischen Tuchfabrik“, dazu einen Teil der Paubachgerechtsame (Wasserrechte am Paubach). Sofort wurde mit dem Aufbau einer großen Webhalle begonnen, Weihnachten 1886 liefen schon die ersten Webstühle. Bis 1900 entwickelte sich die Firma durch den weiteren Ausbau und die Bemühungen der beiden Gründer allmählich zu einem Großbetrieb. Im Februar 1897 starb der Mitbegründer der Firma, Julius Croon. Die beiden Söhne von Gustav Heinrich Croon, Otto und Adolf Croon traten nun 1897 als Teilhaber in die Firma ein. 1898 überschritt die Jahresproduktion erstmals 200.000 m fertige Ware, fast nur schwarze Ware. Das Jahr 1900 brachte erhebliche Verluste mit sich, die von einer von den Engländern ausgehenden Wollspekulation verursacht wurden. 1911 wurde die Firma durch einen weiteren Neubau und durch Errichtung einer eigenen elektrischen Kraftzentrale zu einem neuzeitlichen Großbetrieb.

Am 7. September 1911 starb der Gründer Gustav Heinrich Croon. Kurz vor seinem Tod nahm er noch seinen Sohn Waldemar als Teilhaber in die Firma auf. Im April 1911 kaufte die Firma die alten Häuser Annastr. 50-52. 1912 erreichte die Fabrik einen Produktionsrekord von 480.000 m Tuch und fast 9000 Stück Ware. Jeder freie Platz in der verschachtelten Fabrikanlage wurde für Webstühle ausgenutzt. Croon-Tuche hatten im In- und Ausland einen guten Ruf.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs setzte der aufsteigenden Entwicklung ein Ende. Die Firma stellte sich im August 1914 sofort auf die Herstellung von Militärtuchen um. Dafür trat 1916 eine große Warennot in der Versorgung mit Zivilware ein. Bedingt durch den Versailler Friedensvertrag, welcher der deutschen Wirtschaft stark zusetzte, kam die Fabrikation von Zivilware nach dem Krieg nur langsam wieder in Gang.

Die Inflation brachte ab 1920 weitere Verluste mit sich. Weitere Probleme wurden durch die von den Besatzern, den Belgiern und Franzosen, errichteten Zollgrenzen verursacht. Am 25. Mai 1923 trat Hans Croon, ein Sohn Otto Croons, in die Firma ein. Ab 1924 widmete sich die Firma Croon dem Wiederaufbau, da der Zustand des Betriebes aufgrund der langen Kriegszeit und der Inflation relativ schlecht war. 1931/32 standen ganz im Zeichen eines weiteren wirtschaftlichen Abstiegs. Mit der Machtergreifung Hitlers ging es für die Firma zunächst bergauf. Aufgrund des damaligen Aufbauwerks wurden neue Arbeitskräfte eingestellt. Im Oktober 1933 trat Waldemar Croons Sohn Waldemar junior in die Firma ein. Bis 1937 ging es weiter bergauf.

In den 30er-Jahren wurden auch weiterhin hochwertige Kammgarnprodukte für Gesellschaftskleidung hergestellt (z.B. Drapes und Foules); daneben gehörte aber auch garngefärbte Ware zum Programm. Vor allem zum Ende der 30er-Jahre häuften sich Aufträge für Wehrmachts-Uniformtuche. Diese Aufträge wurden zugeteilt und waren in der Tuchindustrie begehrt, da es große Aufträge waren.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde weiter produziert, wobei es merkliche Einschränkungen gab. Viele Arbeiter wurden durch Arbeiterinnen ersetzt, die zunächst angelernt werden mussten, und es standen nicht immer genügend Garne zur Verfügung.

1943 zog ein großer Bombenangriff auf Aachen auch die Tuchfabrik Croon in Mitleidenschaft. Die Schäden konnten jedoch so weit repariert werden, dass eine Fortsetzung der Produktion möglich war; einige Gebäudeteile, wie Haus 7, blieben sogar unzerstört. Leider war das alte Stammhaus in der Annastraße unter den zerstörten Gebäudeteilen, sodass die Büros in den Wohnhäusern Annastraße 58/60 eingerichtet wurden.

Nach dem Krieg musste ein „permit“ beantragt werden, um die Produktion wieder aufnehmen zu können. Erst relativ spät, nach zwei Jahren, erhielt man grünes Licht. In der frühen Nachkriegszeit wurde das Aachener Stromnetz zeitweise durch einen von einer Dampfmaschine Croons angetriebenen Generator mit Strom versorgt.

In den 50er-Jahren war der Betrieb wieder voll ausgelastet. Man begann mit der Herstellung von Stoffen für die Damenoberbekleidung; auch der Anteil garngefärbter Tuche nahm zu. Man entschied daher, die Produktion auf einen 3-Schicht-Betrieb umzustellen. Das führte zunehmend zu Lärmbelästigungen für die innerstädtische Nachbarschaft. Da der in mehreren, zum Teil sehr alten Gebäudeteilen untergebrachte Betrieb ohnehin modernisiert werden sollte, entschied man sich 1958 zu einem Neubau „auf der grünen Wiese“ in Aachen-Brand. Hier entstand ein ebenerdiger Betrieb, in welchem die Webereivorbereitung, die Weberei – zum Teil bereits mit modernen Sulzer-Webmaschinen ausgestattet – und die Stopferei untergebracht wurden. Das Schweizer Architekturbüro Gherzi baute einen für die damalige Zeit hochmodernen Industriebau, fensterlos und klimatisiert. 1959 begann man mit dem Umzug nach Brand. In der Innenstadt verblieb die Ausrüstung, gefärbt wurde weiterhin hauptsächlich bei Rouette in der Soers. Freiwerdende Gebäudeteile im alten Gebäudekomplex konnten vermietet werden, z.B. an die Wollstrickfirma „3 Pagen“.

1968 erfolgte eine Fusion mit den Firmen „Dechamps & Drouven Nachf.“ und „Nickel & Müller GmbH.“. Im gleichen Jahr wurde die Ausrüstung in der Annastraße stillgelegt – die Kapazitäten in der Ausrüstungsabteilung des fusionierten Unternehmen waren hinreichend. Herr Waldemar Croon jun. trat 1970 mit dem Verkauf seiner Geschäftsanteile an der fusionierten Firma aus dem Unternehmen aus. Die Firma „Dechamps Textil AG“, die aus der Fusion hervorgegangen ist, musste am 30. Juni 2002 den Betrieb einstellen.

Quellen:

  • „Die Firmen-Geschichte der Tuchfabrik G. H. & J. Croon, Aachen“, ein Festvortrag, gehalten am 1.9.1937 anlässlich des 75jährigen Jubiläums, Archiv Tuchwerk Aachen e.V.
  • Interwiev mit Herrn Waldemar Croon jun. (Aachen) im März 2001

Autor: Jochen Buhren

Die Tuchfabrik ‚Nickel & Müller  GmbH‘

Die Tuchfabrik ‚Nickel & Müller GmbH‘

Die Tuchfabrik ‘Nickel & Müller GmbH Aachen‘ wurde im Jahre 1868 durch Hugo Nickel und C. H. Müller in der Mariabrunnstraße gegründet. Sie leiteten den Betrieb bis zu ihrem Ausscheiden 1890. Ab diesem Jahr stand der Betrieb unter der Leitung des ehemaligen Direktors der Tuchfabrik ‘Süßkind und Sternau‘, Hermann Simons.

In jener Zeit waren rund 60 Webstühle im Einsatz. Zudem war der Weberei ein Appreturbetrieb (für die Veredelung und Oberflächenbehandlung der Rohgewebe) angeschlossen. Zur Wasserversorgung der Appretur wurde dem Paubach Wasser entnommen.

Der erste Weltkrieg führte im Jahre 1916 zur Schließung des Betriebs – ein Schicksal, das dieses Unternehmen mit den meisten Aachener Tuchfabriken teilte. Erst 1922 gelang es, die Produktion wieder aufzunehmen. In den 20er- und 30er-Jahren entwickelte sich das Unternehmen erfreulich.

1942 musste die Firma aufgrund des Krieges zum zweiten Mal geschlossen werden. Leider gehörte man nicht zu den Unternehmen, die Uniformtuchaufträge bekamen. Außerdem gab es für die Fertigung ziviler Ware nicht genügend Garne. Da die Firma im Zuge dieser Entwicklung Kapital frei bekam und noch vor den Bombenangriffen ca. 20000m fertige Ware nach Monschau auslagern konnte, hatte man nach dem Krieg gute Ausgangsvoraussetzungen für den Wiederaufbau.

Wie bei vielen anderen Tuchfabriken in Aachen mussten dazu zunächst die Kriegsschäden beseitigt werden. Erst 1947 wurde die Produktion mit nur fünf Webstühlen aufgenommen; die Appretur lief erst Ende 1948.

Die Zeit des Neuanfangs wurde von dem aus einer angesehenen Familie stammenden Geschäftsmann Fritz Heusch geprägt. Fritz Heusch, ein Sohn von Dr. phil. August Heusch, trat im Januar 1948 in die Firma ein. Seine Tante, Frau Dittmann-Heusch, verheiratet mit Karl Heusch, besaß zu diesem Zeitpunkt 50% der Anteile an der Firma (neben der Familie Simons, die die andere Hälfte besaß) und fragte ihn, ob er die Geschäftsführung mit übernehmen wollte, da er kaufmännisch sehr versiert war. Als zweiter Geschäftsführer agierte Friedrich Eduard Hartmann, der mehr für technische Fragen zuständig war.

Die Geschäftslage war in den 50er-Jahren recht gut, doch gab es gerade in Aachen viel Konkurrenz, was sich auf die Preise auswirkte. So entstand mehr und mehr die Notwendigkeit, den Betrieb zu modernisieren. Für den Kauf neuer Webstühle benötigte man aber viel Kapital, zumal es für die leistungsfähigen Sulzer-Webstühle eine Abnahmeverpflichtung von mindestens acht Maschinen gab. Da das Kapital nicht erhöht werden konnte, entschied sich die Geschäftsführung gegen den Kauf neuer Webstühle. Andere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, dass es nicht möglich war, die Produktion auf ein Drei-Schicht-System umzustellen. Man musste nämlich auf die direkt angrenzende Nachbarschaft Rücksicht nehmen, der das Geratter der Webstühle nachts nicht zuzumuten war.
Der Geschäftsführung wurde mehr und mehr klar, dass ihre Firma unter diesen Rahmenbedingungen alleine nicht länger überleben konnte. Als Herr Kronenwerth von der Firma ‘Dechamps & Drouven‘ Ende der 60er-Jahre mit der Idee einer Fusion an die Firma herantrat, zeigte man sich interessiert. Herr Vahle, Bergwerksdirektor im Ruhestand, übernahm die Schirmherrschaft bei allen Verhandlungen. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 120 Mitarbeiter bei ‘Nickel & Müller‘ tätig, darunter alleine in der Stopferei ca.50 Frauen.

1969 erfolgte die Fusion mit den Tuchfabriken ‘G., H. & I. Croon‘ und ‘Dechamps & Drouven‘. Der Firmensitz wurde nach Aachen-Brand verlegt, wobei zunächst Teile der Weberei mit umzogen. Die Abteilung Tuchausrüstung blieb solange in der Mariabrunnstraße, bis eine neue moderne Ausrüstung – ’Dutch Finish’, eine Tochter der ’Dechamps Textil AG’ – in Kerkrade (NL) eröffnet wurde.

Quellen:
– Will Hermanns: Heimatchronik der Kur- und Kronstadt Aachen.- Köln 1953. S. 212f
– Gespräch mit Herrn Fritz Heusch am 21.03.2001

Bildquellen:
– Photoalbum der Firma ‘Nickel und Müller GmbH’ aus den 50er-Jahren, Sammlung Tuchwerk Aachen (eine Bilder hieraus finden sich im Anhang
– Belegschaftsbilder: Nachlass ‘Dechamps Textil AG’, Sammlung Tuchwerk Aachen

Das Album beschreibt die Herstellung des Tuches vom Garn bis zur Fertigware in 56 Bildern, die aus den Jahren zwischen 1951 und 1974 stammen.

Das Copyright aller Bilder liegt beim Tuchwerk Aachen e.V.


Jochen Buhren

Zur Situation der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert

Zur Situation der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19ten Jahrhunderts, während der Zeit der französischen Besetzung erlebte Aachen einen nie da gewesenen Aufschwung. Die Bevölkerung Aachens nahm von 23.699 Einwohnern im Jahre 1804 auf 32.015 im Jahre 1816 zu. In zwölf Jahren ein Wachstum um etwas mehr als 30%. Begünstigt durch die napoleonische Politik hielt der Fortschritt in Aachen früher Einzug, als im übrigen Deutschland. Gewerbefreiheit, die Befreiung der Landbevölkerung und die Ausschaltung der englischen Konkurrenz führten zu dieser Dynamik des Strukturwandels. Menschen die in der sich ebenfalls rasant entwickelnden Landwirtschaft kein Auskommen mehr fanden strömten in die städtischen Zentren um dort ein besseres Leben zu finden und bitterstem Elend, verkrusteten Hierarchien und sozialer Kälte zu entkommen.
Insbesondere für die ledige zuziehende Bevölkerung war das Lohnniveau attraktiv und bot wesentlich bessere Existenzmöglichkeiten, als auf dem Lande, denn der Lebensstandard der mehrheitlich armen Landbevölkerung war dort deutlich niedriger. Die Situation änderte sich jedoch dramatisch, wenn eine Familie gegründet wurde und Kinder die Berufstätigkeit der Frau unmöglich machten, denn der Lohn eines einfachen Arbeiters reichte damals  – wie heute – nicht um einen nicht durch Not charakterisierten Lebensstandard einer mehrköpfigen Familie zu sichern. So wurde es zunächst als sozialer Segen empfunden, dass die neu entstandenen Fabriken durch Arbeitsteilung entstandene einfach Tätigkeiten anboten, die auch Frauen und Kindern ohne spezielle Ausbildung eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit boten. Diese als Zusatzeinkommen verstandenen Beschäftigungen konnten jedoch nur in seltenen Fällen den Lebensunterhalt einer Person sichern. Frauen mussten zusätzlich zur schweren Hausarbeit, in Heimarbeit oder als Spinnerinnen oder Wollsortiererinnen in Fabriken arbeiten.
So wurde die neu nach englischem Vorbild eingerichtete Nadelfabrik des Laurenz Jecker als soziale Errungenschaft belobigt, weil dort durch Aufteilung der Arbeitsvorgänge bei 250 Beschäftigten 225 Kinder im Alter von 4 bis zwölf Jahren beschäftigt werden konnten, die ihren Familien damit ein Beitrag zu einer besseren Versorgung ermöglichen konnten. Zumal die frühzeitige Gewöhnung an Arbeit als positives erzieherisches Moment verstanden wurde, denn eine Schulpflicht gab es seinerzeit noch nicht. Selbst 1837, lange nach der Einführung der Schulpflicht durch Preußen lag die Kinderarbeit in den Tuchfabriken im Durchschnitt bei 62%. Somit stellten die Kinder den größten Anteil der Belegschaft dar. Als ungelernte Arbeitskräfte bekamen die Kinder einen noch geringeren Lohn als die anderen Arbeiter. Die Arbeiterschaft hatte keine soziale Absicherung, was im Krankheitsfall oder bei Kündigung zum sozialen Abstieg führte.
Die wirtschaftliche Lage der Mehrheit der Arbeiter war bis in die 70er Jahre des 19ten Jahrhunderts insbesondere in den politisch oder konjunkturell bedingten Krisen derart angespannt, dass die als Existenzminimum erachteten Sätze regelmäßig auf breiter Ebene unterschritten wurden, was auch die enormen Schwankungen der Todesfälle in guten und schlechten Jahren eindrucksvoll verdeutlichen. So eine Sterberate von 25 Promille für das Jahr 1828 dagegen 37 Promille für das Jahr 1829, die damit sogar über der Geburtenrate lag. Das signifikante Sinken der Sterberate auf einen Durchschnittswert von 25 Promille für das letzte Viertel des 19 Jahrhunderts markiert ebenso wie das seinerzeit unerwartete Sinken der Geburtenrate den Wandel zu einer Gesellschaft, die nur noch vereinzelt von existenzieller Not bedroht ist.
„Durch den verstärkten Einsatz von Maschinen kam es immer wieder mit den konjunkturellen Schwankungen auch zu Entlassungen, die in den 1830er Jahren zur Massenarmut führten.“
Mit dem Arbeiteraufstand am 30.08.1830 wurde zunächst der Höhepunkt der Auseinandersetzungen erreicht.
Hierzu einige Presseartikel:
aus: Politisches Tageblatt – 24. Januar 1922 – Nr. 54
Die Einführung der Dampfkraft in die Aachener Industrie
Dr. phil et Dr. rer. pol. A Knorr
Der Umwandlung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse am Ende des 18.Jahrhunderts war in England und Frankreich eine grundlegende Änderung in der technischen Produktion vorausgegangen. Der handwerksmäßige Herstellungsprozeß der waren wurde von dem mechanischen  verdängt und dieser durch die Verwendung der dampfkraft zu einer nie geahnten Höhe der Vollkommenheit gebracht. Die Dampfmaschine wurde gleichsam die Seele des Betriebes, das pulsierende Herz , welches bis in die kleinsten neu erfundenen Maschinen Leben und Bewegung trug., sie zu einer Einheit zusammenschloß und somit erst ihre voll Ausnutzung bedingt. Das zeitalter der industriellen Revolution war angebrochen.
Die erste wirtschaftlich bedeutsame Dampfmaschine war im Jahre 1871 von James Watt in England erfunden worden. Hier wußte man sie in der Industrie bald dienstbar zu machen, welche infolgedessen einen gewaltigen Aufschwung nahm und durch ihre billige Massenproduktion die Konkurrenz des übrigen Europas zu ersticken drohte. Ängstlich war man darauf bedacht, das Konstruktionsgeheimnis zu bewahren. Sobald Friedrich der Große von den glänzenden Erfolgen der Wattschen Erfindung hörte, sandte er zwei technische Fachleute nach England, um sie an Ort und Stelle auf dem Wege wagemutiger Spionage zu erforschen. Dem kühnen Unternehmen war volle Erfolg beschieden. Auf Grund der erworbenen Kenntnisse ließ der König bereits 1783 für das Mansfeldsche Berggebiet eine Feuermaschine erbauen, welche 1785 in Betrieb genommen wurde.
In derselben Zeit fand im Westen unseres Vaterlandes die Dampfmaschine zuerst im Aachener Bergrevier Aufstellung und Verwendung. Während aber in Schlesien einer neuer selbständig, wenn auch teilweise mit Hilfe eines ausländischen Ingenieurs konstruiert wurde, bediente man sich hier zunächst importierter Fertigfabrikate aus Belgien, wohin schon 1782 die Kenntnis von der neuen Maschine gedrungen und die erste Dampfmaschinenfabrik gegründet wurde.
Infolge der immer mehr gefährlich werdenden Wassernot war der Aachener Bergbau damals in ein sehr kritisches Stadium getreten. Verschiedene Gruben hatten den Betrieb bereits eingestellt, andere kämpften verzweifelt ohne viel Aussicht auf Erfolg. Da dringt die Kunde von der neuerfundenen Wundermaschine zu der kurfürstlichen Verwaltung, der das Inderevier unterstand. Es ist ihr unbestreitbares Verdienst, sie zuerst im Westen Deutschlands eingeführt und damit den Grund zum Emporblühen des Aachener Bergbaus gelegt zu haben. Die Maschine entsprach so sehr im allgemeinen den Erwartungen, daß bis zum Jahre 1930 auf sämtlichen Indegruben die Dampfkraft eingeführt wurde.
Im Wurmrevier ging die Verwaltung weniger rationell und zielbewußt vor. Obwohl mehrere Gruben schon lange wegen der Wassergefahr stillagen, wurde hier die erste Dampfmaschine erst 1811 auf dem Langenberg erbaut. Ihr Cylinder ist noch erhalten und befindet zum Andenken in der Hochschule. Wie selten damals noch solche Maschinen waren, geht daraus hervor daß der österreichische Kaiser Franz, welcher sich 1818 anläßlich des Monarchenkongresses in Aachen aufhielt, extra zu ihrer Besichtigung hinausfuhr, 1830 waren auf sämtlichen Gruben des Wurmreviers Dampfmaschinen in Betrieb. 1837, wo die erste amtliche Zählung der in Preußen vorhandenen Dampfmaschinen einsetzte, stand der Aachener Bezirk , was Zahl und pferdekräfte angeht, an esrter Stelle.
Der Erfolg war ein gewaltiger. Auf allen Gruben stieg die Produktionsziffer von Jahr zu Jahr. Wegen der naturgemäß stets anwachsenden Unkosten wurde die großkapitalistische Ausbeute die einzig mögliche Betriebsform, welcher die Aktiengesellschaft homogen war.
Im Jahre 1803 hatte auch Dinnendahl, der größte technische Meister am Anfang des 19. Jahrhunderts, den Auftrag erhalten, auf dem Bleibergwerk Diepenlinchen in Aachen eine Dampfmaschine zu erbauen. In seiner kulturhistorisch recht interessanten Selbstbiographie, welche sich im Besitz des Essener Geschichtsvereins befindet, erzählt der seltene Mann von seiner Arbeit und seinen Erfolgen in Aachen.
Im Gegensatz zum Bergbetrieb waren die gewerblichen und technischen Verhältnisse der Stadt selbst am Ende des 18. Jahrhunderts noch sehr primitiv und beschränkt. Grund hierfür waren die unerquicklichen politischen Zustände, die vielen elementaren Unglücksfälle, vor allem aber der unverständliche Handwerksdespotismus der Zünfte. Während an den Ufern der Wupper, Ruhr, Sieg, Erft und Niers die Produktion bereits mit Dampf- und Wasserkräften gehandhabt wurde, ging in Aachen die Herstellung noch im alten, geheiligten traditionellen Gebrauch vor sich. Es fehlte eine der wirksamsten Antriebe wirtschaftlichen Fortschritts, eine allgemeine, tiefgreifende, rationelle Vervollkommnung der technischen Grundlagen. Erst die französische Herrschaft brachte Befreiung aus den banden politischer Misere und zunftgenössischer Bevormundung und legt den grund zu neuer Blüte. Mit fremder Hilfe und auf fremde Anregung hin begann sich am Anfang des 19. Jahrhunderts langsam, aber stetig der große Wandlungsprozeß zur mechanischen Produktion durchzusetzen, der dann Anfang der Preußenzeit durch Einführung der Dampfmaschine gekrönt wurde.
1807 war Cockerill von Lüttich nach Aachen gekommen.  Er vermittelte die Verbindung mit den Serraing-Werken und stand den Aachener Fabrikanten bei der Einführung der neuen Maschinen mit Rat und Tat zur Seite. Unter seiner Leitung führte der Tuchfabrikant Edmund Kelleter 1816 hier die erste Dampfmaschine in sein Ecke Annastraße-Löhergraben gelegenes Etablissement ein. Eine große Angst erfaßte da die Bewohner der umliegenden Straßen. Das Gespenst einer schrecklichen Explosion, welche das ganze Viertel in Trümmer legen würde, trieb sie fluchtartig aus ihren Häusern. Infolgedessen trat eine große Entwertung der umliegenden Grundstücke ein, welche durch den unangenehmen Rauchqualm und das betäubende Geräusch noch gesteigert wurde. Die dringenden Vorstellungen der Bürger veranlaßten daher die Regierung, ein eingehendes Feststellungsverfahren einzuleiten, und erst nach langen Verhandlungen, in denen besondere Schutzmaßnahmen erprobt und angeordnet wurden, erhielt Kelleter die behördliche Genehmigung der Anlage Im Laufe der Jahre bildete sich in Aachen ein eigenes Konzessionsverfahren aus, welches auf den napoleonischen Fabrik- und Gewerbedekreten basierte und bis zur Einführung der preußischen Kabinettsordre vom 1. Januar 1831 „die Anlagen und den Gebrauch von Dampfmaschinen betreffend“ in Geltung blieb.
1821 stellte der Tuchfabrikant Startz in seiner in der Annastraße gelegenen Fabrik die zweite Dampfmaschine in Aachen auf. Während die Maschine Kelleters aus Lüttich stammte, bezog er sie aus der kurz vorher in Eschweiler gegründeten Maschinenfabrik Dobbs. Gegenüber dem belgischen Fabrikat wies sie bedeutende Vorteileauf, das sie mit mageren Kohlen gespeist werden konnte, wodurch die Rauchbildung sehr beeinträchtigt wurde, und sie bei 15stündiger Arbeit nur 2000 Pfund Kohle verschlang, wogegen jene bei gleicher Arbeitszeit 3600-4000 Pfund Fettkohlen bedurfte. Im Laufe der nächsten 10 Jahre drang die Dampfmaschine in sämtliche größeren Tuchfabriken Aachens ein. Die stetig steigende Nachfrage führte dann in den 30erJahren zur Gründung verschiedener Dampfkesselfabriken in Aachen. In der nadelfabrikation fand die Dampfmaschine hier erst verhältnismäßig spät Verwendung, und zwar zuerst 1846 in den Werkstätten von Heusch-Kern auf dem Klosterplatz.
Die zweite Verwendung der Dampfkraft hatte in der Aachener Industrie bedeutungsschwere Änderungen im Gefolge. Es vollzog sich damals in der Hauptsache der Übergang vom Verlags- zum Fabriksystem, wodurch die Quantität der Produktion immens gesteigert, ihre Qualität nicht wenig vermindert wurde. Mit der allgemeinen Hebung der industriellen Verhältnisse wuchs der Wohlstand der Fabrikantenklassen und es bildeten sich die für eine moderne Fabrikstadt charakteristischen Klassengegensätze. Denn die Lage der Arbeiter wurde immer unheilvoller und verzweifelter. Einst hatte der Weber für seine daheim angefertigte Ware einen Preis erhalten. Jetzt war er Lohndiener der Fabrikanten geworden, die seine Arbeit als Ware betrachteten und sie im Entgelt möglichst herabzudrücken suchten. Wenn man weiter bedenkt, daß die täglichen Leistungen eines fleißigen Handspinners von der Maschine in etwa 10 Minuten geliefert wurden, daß die mechanische Weberei eine Steigerung von 90% bedeutete, daß ein Stück Gewebe, welches mit der Hand in ca. 340 Stunden hergestellt wurde, von der Maschine in 3 Stunden 40 Minuten verfertigt werden konnte, so ist es leicht erklärlich, daß man bald zu großen Arbeiterentlassungen schreiten mußte, daß sich infolgedessen bei den unteren Schichten ein Elend sondergleichen geltend machte und daß die allgemein angesammelte Wut und Erbitterung sich in der Aachener Arbeiterrevolutionvon 1830 furchtbar Bahn brach.
Aus: Politisches Tageblatt – 8. Februar 1922, Nr. 91
Zur Entwicklung der Aachener Tuchindustrie
Von Hugo Müller
In seinem Buche „Die Industrie am Niederhein“ greift Alfons Thun die Aachener Industrie, und zwar Arbeitgeber wie auch Arbeitsnehmer, scharf an, wodurch er manche Historiker und Volkswirtschaftler, die sich mit einemspeziellen Studium der örtlichen Industrieverhältnisse nicht befaßt haben, zu einer den Verhältnissen nicht ganz entsprechenden Beurteilung der Aachener Industrie verleitet. Es ist unbedingt anzunehmen, daß Thun nicht ganz unbeeinflußt von politischen Strömungen  gewesen ist, zumal sein Buch in der bewegten Zeit der achtziger Jahre erschien. Ob und in wieweit Thuns einer objektiven Nachprüfung standhalten, wird eine eingehende Untersuchung zeigen müssen. Thun nennt die in der Aachener Industrie Beschäftigung ein schwächliches und feiges Volk, dem jedes Gemeingefühl und Korporationsgefühl  fehle. Er bezeichnet sie als Massen, denen Unselbständigkeit, Brutalität und blinder Fanatismus anhafte. Den Fabrikanten wirft Thun vor, daß sie die Technik ihres Betriebes in ungenügendem Maße beherrschen, wozu manchmal noch kaufmännische Unkenntnis und ein Mangel an geschäftlicher Moral kommt. – Dieses Urteil über die Aachener Industrie mutet sonderbar an, wenn man bedenkt, daß alle alten Werke über die Aachener Geschichte die vorzüglichen Aachener Tuche rühmen. Ferner, wie soll man sich denn den Aufbau un den weiten Absatzkreis der Aachener Tuche erklären, wenn die Industrie wirklich so schlecht war? Der Thunschen Auffassung widersprechen auch die Anerkennungen , die die Erzeugnisse der Aachener  Industrie auf den verschiedenen Weltausstellungen, insbesondere in London (1851) und Paris (1855) gefunden haben. Der amtliche Bericht über die Pariser Weltausstellung besagt: „Es war die Tuchindustrie Aachens in gebührender Weise vertreten, sodaß  kein Fabrikbezirk so zahlreiche Anerkennungen und Auszeichnungen erlanget, namentlich in den Preismedaillen, als die Städte Aachen und Burtscheid.“  Trotz all dieser gewichtigen  Gegenmomente ist dem Thunschen Buche in der Literatur nicht entgegengetreten worden, was teilweise wohl darauf zurückzuführen ist, daß die Mehrzahl der bisher erschienenen Werke sich mit dem Ursprung und der Entwicklung der Industrie in früheren Jahrhunderten befassen.
Neuerdings haben wirtschaftwissenschaftliche Institute den Aachener Industrieverhältnissen ihre Aufmerksamkeit zugewendet, wobei jedoch die Forschung leider nicht immer in dem ihr zustehenden überparteilichen Sinne vorgegangen ist.  Für eine objektive Betrachtung der Verhältnisse darf das Material nicht aus einer Quelle stammen, sondern es muß versucht werden, alles Material , sowohl der Arbeitsgeber wie der Arbeitnehmer zu erfassen. Wenn ein Forscher sein Material hauptsächlich aus Flugblättern und Versammlungsberichten schöpft, so ist nicht die Gewähr für eine objektive Beurteilung gegeben, und häufig genug werden Beschlüsse, die nur im Geiste des Flugblattschreibers bestehen, aber in Wirklichkeit keine sind, als Tatsachen weiterverbreitet.
Zur Beurteilung der Entwicklung der Industrie einer Stadt oder eines einzelnen industriellen Zweiges ist die Frage wichtig: Macht die Einführung mechanischer oder rechnerischer Verbesserungen werktätige Kräfte überflüssig? Ein der Industrie Fernstehender und besonders ein Voreingenommener wird sagen, jawohl! Ein Kenner des unlöslichen Zusammenhanges von Technik und Wirtschaft wird sagen, nein, bzw. nicht in dem Maße, daß Arbeitnehmer beschädigt werden. Jede Industrie ist doch auf Erweiterung , auf Erhöhung der Produktion, Vermehrung des Absatzes bedacht. Zur Auswirkung in diesem Sinne ist eine Vermehrung der Produktionskräfte, Arbeiter und Maschinen erforderlich.
Die Aufstellung fast jeder neuen Maschine erfordert für sich schon wieder Bedienungshände und bietet in der Vorbereitung und Fertigstellung des Materials weiteren menschlichen Kräften Beschäftigung. Wie wäre denn sonst die Industrie zu ihrer heutigen Größe und Bedeutung angewachsen, wenn nicht durch Ausnutzung aller Erfindungen der Technik? Durch die Benutzung aller Hilfsmittel trat eine gewaltige Produktionssteigerung ein, die sich neue Absatzgebiete suchen mußte. Die mit der Entwicklung der Industrie zusammenfallende Hebung von Handel und Verkehr gegen Ende des 18. Und zu Anfang des 19. Jahrhunderts ließ die Nachfrage und Absatzmöglichkeit wachsen. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, mußte die Industrie zur Hebung der Produktion alles tun, technische Neuerungen einführen und weitere handarbeitende Kräfte einstellen. In wieweit sich eine solche Entwicklung ausprägt, hängt von den örtlichen Verhältnissen und dem in Frage kommenden Industriezweig ab. Bei der für den Platz Aachen wichtigsten Industrie, der Tuchindustrie, ist die Einführung maschineller Neuerungen , wie z.B. die Einführung der Dampfkraft, des mechanischen Webstuhls, des schnellaufenden Webstuhls (über 80 Touren in der Minute) , des elektrischen Antriebes, von größtem Vorteil für die Entwicklung gewesen. Besondere Schwierigkeiten bereitete nur die Einführung des Doppelstihls, dessen Einführung erst zu verhindern gesucht wurde. Trotz der zu Tage tretenden Überlegenheit der Textilindustriebezirke, in denen das Doppelwebstuhlsystems eingeführt war, ist zum dauernden Nachteil der Aachener Industrie die Verwendung des Doppelstuhls nur zeitweise zur Tat geworden. Die Einführung der schnellaufenden Webstuhl s vollzog sich unter weniger äußeren Einwirkungen , weil ihn die Betriebe nur vereinzelt und dann regelmäßig nur zur Ausnutzung der Konjunktur einzustellen pflegten. Ein Beweis für die aufgestellte Behauptung, daß die Einführung von maschinellen Verbesserungen die Arbeitsgelegenheiten nicht vermindern, sondern sie erweitern, bietet die Zunahme der Arbeiterzahl der Aachener Tuchindustrie, die von 1840 -1900 dauernd gestiegen ist. Das erhellt die nachstehenden Zahlentafel:
Jahr                       Zahl der Betriebe                            Arbeiterzahl
1840                                      –                                                         4000
1860                                        80                                                    6000
1880                                      116                                                     8000
1887                                      129                                                   11000
1892                                      151                                                   13000
1900                                      164                                                   14300
Damals hatte die Industrie den Höhepunkt erreicht. Wenn es möglich wäre, was aber auf Grund des privatwirtschaftlichen Aufbaues der Aachener Tuchindustrie nicht durchführbar ist, eine Produktionsstatistik aufzustellen, so würde diese das gleiche Bild ergeben. Die Arbeiterzahl ist dann mit geringen Abweichungen bis zum Jahre 1910 bei 138 Betrieben mit 13362 Beschäftigten und bis zum Ausbruch des Krieges bei 124 Betrieben auf 12800 gefallen. Als sehr wesentlich ist festzuhalten, daß die Verwendung der mechanischen Webstühle ein rapides Emporsteigen der Arbeiterzahl zur Folge hatte, so stieg z.B. in den Jahren 1866-1873 die durchschnittlich beschäftigte Arbeiterzahl um 4000, um allerdings nach der „goldigschimmernden Glanzzeit“ Ende der 70erJahre zu fallen. Einen bedeutenden Sturz erfuhr sie im Jahre 1876, als die Ausfuhr von 2 ½ Millionen Taler Wert auf 1 ½ Millionen , also um 3 Millionen Marktwert, zurückging. Indessen war es damals nicht die Tuchindustrie allein, die von dem wirtschaftlichen Niedergang berührt wurde. Auch die Bergleute in der Umgebung von  Aachen arbeiteten damals nur 4 Tage in der Woche. Im Jahre 1883, bei dem weiteren Übergang von der Hand-  zur mechanischen Weberei wurden allein 459 neue Stühle in Tätigkeit gesetzt und für den Aachner Bezirk vermehrte sich die Zahl der Beschäftigten um 3418. Im Jahre 1885 wurden für Aachen 1000 neue Webstühle aus sächsischen Maschinenfabriken bezogen.  Nach dem Jahre 1900 begann, wie schon erwähnt, für die Aachener Tuchindustrie eine schwere Wirtschaftskrise, die manche Firmen zwang, ihre Betriebe zu schließen. Von 56 in der damaligen Zeit gegründeten Textilbetrieben bestehen heute nur noch 14. Allgemein litt die Industrie unter der Konkurrenz anderer Bezirke und es war zur Selbsterhaltung geboten, die Fabrikation zu verbessern, neue Artikel aufzunehmen und verlorene wiederzugewinnen. Die Möglichkeit, durch das Zweistuhlsystem eine dauernde Änderung zu schaffen, wurde durch den Krieg vereitelt.
Neuerdings ist eine Abhandlung erschienen von Dr. A. Korr betitelt: „Die Einführung der Dampfkraft in die Aachener Industrie.“ Die Abhandlung schildert die Einführung der Dampfmaschine in die Aachener Industrie und besagt, daß 1816 bzw. 1821 die erste bzw. die zweite Dampfmaschine in Tuchfabriken aufgestellt worden sei, und daß in den nächsten 10 Jahren die Dampfmaschine in alle größeren Tuchfabriken eingeführt worden sei. Dem ist entgegen zu halten, daß zwei 1815 gegründete Fabriken erst 1855 bzw. in den neunziger Jahren, eine 1821 gegründete Fabrik erst 1860, und noch vier andere von 1827 – 1831 gegründete Fabriken erst in den Jahren 1857 und 1858 Dampfmaschinen  einführten. Diese Fabriken bestehen heute noch. Weiter spricht gegen die angegebene schnelle Einführung der Dampfmaschine die Scheu mancher Fabrikanten gegen Neues, die geringe Möglichkeit in der damaligen Zeit, derartige Maschinen in großer Zahl zu bauen und zu bezahlen und das Fehlen von vorgeschultem Bedienungspersonal. Dazu kommt dann noch die Schwierigkeit die benötigten ungeheuren Brennstoffmengen – bedingt durch den geringen thermischen Wirkungsgrad der damaligen Kesselanlagen – zu beschaffen.
Korr spricht davon, leider phne Beweise anzuführen, daß erst die französische Herrschaft, Befreiung aus den Banden politischer Misere und zunftgenössischer Bevormundung brachte und den Grund zu neuer Blüte legte. Und weiter: „Mit der allgemeinen Hebung der industriellen Verhältnisse wuchs der Wohlstand der Fabrikantenklasse un es bildeten sich die für eine moderne Fabrikstadt charakteristischen Klassengegensätze.“ Ob man bei der damaligen Einwohnerzahl Aachens von etwa 35000 und der relativen Kleinheit der Betriebe von Aachen als moderne Fabrikstadt sprechen kann, erscheint doch recht zweifelhaft. Ob ferner tatsächlich damals Klassengegensätze  hervorgerufen und gefördert durch wirtschaftlichen Verhältnisse in dem angeführten Sinne bestanden haben, ist vorläufig noch nicht belegt. Durch die Überlieferung ist im Gegensatz stets das patriarchalische Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitsnehmer lobend erwähnt worden. – In der angezogenen Abhandlung heißt es dann weiter: „Denn die Lage der Arbeiter wurde immer unheilvoller und verzweifelter. Einst hatte der Weber für seine daheim angefertigte Ware einen Preis erhalten, jetzt war der Lohndiener der Fabrikanten, die seine Arbeit als Ware betrachteten und sie im Entgelt möglichst herabzudrücken suchten.“  Wenn derartig schwerwiegende Behauptungen aufgestellt werden, so ist es doch nur recht und billig, wenn ein Beweis gefordert wird. Eine Gegenüberstellung von Arbeitslohn zum Verkaufspreis der Fertigware und eine Beurteilung im Rahmen der damaligen Lebensverhältnisse würde zweifellos Licht in diese Frage bringen, jedoch nur, wenn man an die Frage objektiv herantritt und nicht in dem Geiste, der aus Korrs Ausführungen spricht.
Wenn weiterhin nach den Ausführungen a.a.O. eine Bereicherung der Fabrikanten durch großkapitalistische Ausbeute stattgefunden haben soll besonders nach den maschinellen Verbesserungen, so ist demgegenüber zu beachten, daß zunächst die damaligen Anschaffungskosten für Maschinen, infolgedessen die in die Betriebsbilanz einzusetzenden Beträge für Amortisation und Verzinsung, sehr hoch waren, weiter für die Bedienung, Wartung, Instandhaltung und Ersatzteileerhebliche Beträge ausgeworfen werden mußten. – Korr schreibt wörtlich weiter: „ ……so ist es leicht erklärlich, daß man bald zu großen Arbeiterentlassungen schreiten  mußte, daß sich infolgedessen bei den unteren Schichten ein Elend sondergleichen geltend machte und daß die angesammelte Wut und Erbitterung sich in der Aachener Arbeiterrevolution von 1830 fruchtbar Bahn brach“. Eine Aachener Arbeiterevolution im Jahre 1830 dürfte eine Neuentdeckung in der Aachener Geschichte sein. Bisher war sie nicht bekannt. Daß die Straßenunruhen von 1830 besonders durch die Arbeiterentlassungen hervorgerufen seien, ist auch neu. Es bringen die Aachener Zeitungen vom Jahre 1830 keine Nachricht über derartige Vorkommnisse. Wohl kam es in den letzten Augusttagen des Jahres 1830 zur Zeit als sich in Paris eine neue Revolution entwickelte, als in Lüttich, Brüssel Verviers und in anderem großen Städten große tumultartige Auftritte an der Tagesordnung waren, auch in Aachen zu einer Bewegung, über die der städt. „Aachener Anzeiger“ vom 1. September 1930 berichtet:  „Nur der allerniedrigste Pöbel beging, von raubsucht angetrieben, schändlicher Ausschweifungen. Der erste große Aufregungspunkt war um 2 Uhr mittags bei der Fabrik des Herrn Nellessen, wo unter den Arbeitern Unzufriedenheit ausgebrochen sein sollte, dieses Gerücht  verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt und versammelte einen Zustrom der Neugierigen. Man hatte das Gerücht ausgesprengt, daß den Arbeitern Abzüge gemacht wären, wir verweisen auf den Widerruf dieser Anschuldigung, welchen dieses achtbare Haus in der heutigen Zeitung bekannt macht. Freche, nach Beute lüsternde Bösewichte, gefolgt von schreienden Weibern und Kindern, zogen von da aus vor das Haus des Herrn James Cockerill, erbrachen dasselbe mit Gewalt und plünderten es bis auf die geringste Kleinigkeit  aus. Glücklicherweise konnte die Familie durch eine Hinterpforte des Gartens sich retten.“ Die Menge drang nun gegen das Gefängnis vor, wo sie bewaffneten Widerstand fand. Damit war die Ruhe wieder hergestellt. Der Zeitungsbericht besagt zum Schluß: „Nicht genug kann der vortreffliche Geist gerühmt werden, den die gesamte Bürgerschaft zugleich mit der umsichtigen Tätigkeit dartat, um die Meuterei zu ersticken und die mit unermüdetem Eifer fortfährt, die Ruhe zu erhalten und dem Unfuge vorzubeugen.  Ihre Bemühungen sind durch den herrlichsten Erfolg belohnt. Mehr als 118 Personen sind während der vorletzten Nacht und am gestrigen Tage zur Haft gebracht. Ebenso rühmliche Erwähnung verdienen die braven Fabrikarbeiter dieser Stadt, welche weit davon entfernt an den Unruhen teilzunehmen, ihre entschiedenster Mißbilligung über die Plünderung ausgesprochen haben.“
Zu der damaligen Zeit entwickelte sich eine Krisis, die im Laufe der Jahre manche nachfolge fand. Die hohen Wollpreise – so sagt der Bericht des Aachener Oberbürgermeisters vom 31.Mai 1831 an die Regierung   drängen viele Fabrikanten zu einem Absatz zu jedem Preis, wodurch der Markt für alle verdorben wird. Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Archivars Krämer aus jener Zeit über „Geschichtliche Merkwürdigkeiten“ bestätigen zunächst die geschilderten Vorgänge am 30. August 1830 und für die Jahre 1832 und 1833 überleifern sie uns folgendes: 1832: Fabrik und Handel mit Jahresbeginn nicht erfreulich, allmählich aber besser. Volksstimmung indes sehr gut bei gleichwohl teueren Lebensmitteln durch das ganze Jahr. 1833: Fabrik und Handel, sowie der billige Preis der Lebensmittel ziemlich befriedigend.
So lagen die Dinge in Wirklichkeit. Kein Angehöriger der Aachener Tuchindustrie wird die Zeit vor Einführung der Dampfkraft und niemals mehr den mit Hand und Fuß getriebenen “Zampelstuhl“ zurückwünschen. Die Darstellungsweise in genannter Abhandlung ist jedenfalls nicht geeignet, Gegensätze zu überbrücken. Im Interesse eines Aufstieges des deutschen Wirtschaftslebens kann es daher nur bedauert werden, wenn auf Grund weit zurückliegender Ereignisse unnötigerweise, und auch geschichtlich unberechtigt, eine soziale Kluft erweitert wird.


Andreas Lorenz