Stockheider Mühle

Standort des Projekts TUCHWERK

Schon das älteste Totenbuch des Aachener Marienstifts (1239 bis 1331) erwähnt die Stockheider Mühle. Eine Urkunde aus dem Jahre 1680 bezeichnet die Mühle als Kupfermühle. 1788 wird sie erstmalig als Walkmühle bezeichnet eine Nutzung, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbar ist. Ab 1852 diente die Anlage als Färberei.

Färberei Theodor Rzehak

Theodor Rzehak wanderte nach einer Ausbildung im Textil-Färbereiwesen von Brünn (heute in Tschechien) nach Preußen aus und war bereits als 18-Jähriger Betriebsleiter einer Färberei in Eynatten (heute Belgien). 1891 machte er sich selbstständig und erwarb die schon bestehende Färberei in der Stockheider Mühle am Wildbach, mit den für eine Färberei wichtigen Wassernutzungsrechten. Er baute die vorhandenen Gebäude zu einer leistungsfähigen Färberei aus.

Das Unternehmen entwickelte sich gut, musste während des Ersten Weltkrieges jedoch zum ersten Mal stillgelegt werden. 1918 trat der Sohn Leo Rzehak in den Betrieb ein. Trotz Nachkriegswirren, Inflation und Weltwirtschaftskrise gelang es den Betrieb zu erhalten, jedoch waren keine größeren Investitionen möglich. Eine angestrebte Fusion mit der Färberei Bühl scheiterte. 1938 verstarb der Gründer des Unternehmens.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion ein weiteres Mal unterbrochen. Theodor Rzehak, Leos Sohn, kehrte der von ihm angestrebten journalistischen Karriere den Rücken und begann mit seinem Vater den Wiederaufbau. Die Bedingungen nach dem Krieg waren schwierig. Es fehlten Rohstoffe und das für die Energieversorgung zuständige Bezirkswirtschaftsamt beschränkte die Zuteilung von Kohle und Strom. Nachdem das Unternehmen zunächst Uniformtuche umfärbte, kamen ab 1946 vermehrt zivile Aufträge hinzu.

Aufschwung in den 1950er-Jahren

1948 erfolgte eine Erweiterung und Modernisierung der Stückfärberei, wodurch man die Kapazität auf 15.000 m Tuche täglich erhöhte. Für die Garnfärberei gelang die Eigenkonstruktion eines neuartigen Färbeapparats und es wurde ein Laboratorium eingerichtet, um genauere Materialuntersuchungen vornehmen zu können. Typisch für viele Textilbetriebe der Aachener Region in der frühen Nachkriegszeit war 1950 die Installation eines Dampfmotors zur Energieerzeugung. Mit dessen Hilfe gelang es, rund 17.200 kWh Strom monatlich zu gewinnen; gleichzeitig konnte der entweichende Dampf genutzt werden.

Die Geschäfte entwickelten sich sehr erfreulich, der Umsatz stieg monatlich von rd. 20.000 DM (1947) auf über 130.000 DM (1949/1950).

Rzehak entschied in dieser Zeit, dem Betrieb als einer der ersten Färbereien Aachens 1951 eine Appreturanstalt hinzuzufügen. So war das Unternehmen in der Lage, Tuche versandfertig zu veredeln. Hierdurch erweiterte sich der Kundenkreis, denn jetzt konnten auch Aufträge aus weiter entfernten Webereien angenommen werden. Im gleichen Jahr entstanden die heute noch den Eingangsbereich prägende Pförtnerloge sowie ein erster Teil einer langgestreckten Werkhalle entlang des Wildbachs – die sogenannte ‚Bachhalle‘.

Im September 1951 waren bereits 72 Personen beschäftigt. Doch selbst diese Zahl reichte nicht aus, die steigende Auftragslage zu bewältigen. In einer Stellenanzeige in der Lokalpresse heißt es: „Ab Dezember werden laufend eingestellt: Walker, Wäscher, Schererinnen, Rauher, Rahmer, Presser, Arbeiter der Trocken- und Nassappretur.“ 1959 arbeiteten 130 Personen für das Unternehmen.

1963 starb Leo Rzehak. Drei Jahre später war die Mitarbeiterzahl bereits auf 150 gestiegen. Täglich wurden ungefähr 3.000 kg Garn und 10.000 m Tuch gefärbt und veredelt.

Standort der Firma Wilhelm Becker KG

1969 ging das Unternehmen in den Besitz der Wilhelm Becker KG in Aachen-Brand über. Nach der Übernahme erfolgten umfangreiche Modernisierungen und Erweiterungen.

Becker als ein führender Hersteller von wollenen Stoffen für mittlere bis gehobene Herren- und Damenoberbekleidung war im Jahre 2012 der letzte in Aachen verbliebene Tuchhersteller von ehemals über hundert Unternehmen. Die Übernahme des Betriebs von Rzehak versetzte Becker in die Lage, in eigener Regie zu färben und auszurüsten. Schnell war auch dem neuen Eigner die Betriebsstätte zu klein, weshalb als letzte Erweiterung 1970 eine große Appreturhalle aus Stahlelementen errichtet wurde.

Dornröschenschlaf in der Soers

Als Becker 1983 am Standort Aachen-Brand eine große Färberei und Ausrüstung einrichtete, verlegte man die Färberei und Appretur schrittweise dorthin. Danach dienten die Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Stockheider Mühle nur noch als Lagerfläche der Firma Becker und Führen Tuche GmbH, bis die Margarete Lorenz-Stiftung das Gelände 2012 erwarb.

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